Rezension über:

Carsten Goehrke / Seraina Gilly (Hgg.): Transformation und historisches Erbe in den Staaten des europäischen Ostens (= Geist und Werk der Zeiten. Arbeiten aus dem Historischen Seminar der Universität Zürich; Bd. 93), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2000, 745 S., ISBN 978-3-906764-34-4, EUR 50,60
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Rezension von:
Hans Lemberg
Marburg/L.
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Hans Lemberg: Rezension von: Carsten Goehrke / Seraina Gilly (Hgg.): Transformation und historisches Erbe in den Staaten des europäischen Ostens, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 2 [15.02.2002], URL: https://www.sehepunkte.de
/2002/02/3219.html


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Carsten Goehrke / Seraina Gilly (Hgg.): Transformation und historisches Erbe in den Staaten des europäischen Ostens

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Wie fruchtbar Lehre und Forschung zusammenwirken können, zeigt der vorliegende Band mit Beiträgen, die aus einem Seminar der Abteilung Osteuropäische Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich unter Leitung des nunmehr seit 30 Jahren in Zürich wirkenden Ordinarius Carsten Goehrke und seiner Schülerin Seraina Gilly hervorgegangen ist, die die Einleitung verfasst hat. Das Ergebnis ist ein straff organisiertes Werk, dem man in gewisser Hinsicht geradezu Handbuchcharakter zuschreiben kann.

Jeder der meist von Studenten verfassten Beiträge ist grundsätzlich in der gleichen Weise grob gegliedert: Ein erster Teil behandelt für ein bestimmtes Land die Voraussetzungen der 1980er-Jahre und die Ursachen und Vorgänge der Beendigung der kommunistischen Herrschaft sowie das Fortschreiten und die Probleme der Transformation in den 1990er-Jahren. In einem zweiten Abschnitt wird dann - zum Teil mit weitem Rückgriff - jeweils das fernere und nähere "historische Erbe" erfasst. Als exemplarische Staaten sind herausgegriffen: Russland als das Land, in dem die Transformation sozusagen losgetreten worden, aber dann doch in vielem stecken geblieben ist; von Ostmitteleuropa Lettland, die Tschechoslowakei beziehungsweise Tschechien und Ungarn; von Südosteuropa Bulgarien, Rumänien, Makedonien und Albanien. Polen und Serbien werden unter einem anderen Blickwinkel dargestellt, nämlich in Hinsicht auf die charakteristischen "Phänomene" Solidarnosc beziehungsweise Miloševic und die davon bestimmten Systeme.

Da in den letzten zehn Jahren über die Vorgänge und Strukturen der Transformation der ehemals sozialistischen Länder schon viel geschrieben worden ist, wird man darüber hinwegsehen können, dass einige Beiträge - je nach Sprachkenntnissen der Autoren - nur auf westsprachiger Literatur beruhen. Es handelt sich indes durchweg um gelungene Zusammenfassungen mit hohem Professionalitätsgrad; und so werden auch Kenner mit Gewinn dieses Buch zu vergleichenden Studien nutzen können.

Die Ereignisgeschichte ist bis zum Ende des Jahres 1998 berücksichtigt. Wenn also dieser Teil des Buches im Laufe der Zeit an Aktualität verlieren und an historischem Interesse gewinnen wird, so wird nicht zuletzt der Ausblick auf das "historische Erbe" und die Übersicht über die Ursprünge und Anfänge der Transformationsgeschichte aktuell bleiben.

Wer sich bis Seite 650 durchgearbeitet hat, sollte keinesfalls zu lesen aufhören, denn nun beginnt der wohl wichtigste Teil des Buches, eine fast 90-seitige Abhandlung von Carsten Goehrke mit einer brillanten "vergleichenden Erklärung" der Transformationschancen vor dem bis ins Mittelalter zurückreichenden, breit und differenziert gedeuteten "Hintergrund europäischer Geschichtslandschaften"; diese Untersuchung setzt sich intensiv mit den bisherigen konzeptionellen Ansätzen auseinander und spinnt sie weiter beziehungsweise modifiziert sie; darauf aufbauend wird eine solide, historisch fundierte Beurteilung der Transformationschancen im östlichen Europa angeboten. Insbesondere dieser Teil des Bandes sollte im Spektrum der Transformationsliteratur, mehr aber noch in der Charakterisierung der Grundbedingungen des östlichen Europa einen dauerhaften Platz einnehmen.

Hans Lemberg