Rezension über:

Andrew S. Tompkins: Better Active than Radioactive! Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany (= Oxford Historical Monographs), Oxford: Oxford University Press 2016, XV + 265 S., 17 s/w-Abb., ISBN 978-0-19-877905-6, GBP 65,00
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Rezension von:
Jost Dülffer
Köln
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Empfohlene Zitierweise:
Jost Dülffer: Rezension von: Andrew S. Tompkins: Better Active than Radioactive! Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany, Oxford: Oxford University Press 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 3 [15.03.2018], URL: https://www.sehepunkte.de
/2018/03/29620.html


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Andrew S. Tompkins: Better Active than Radioactive!

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Zum 50. Jahrestag der Ereignisse von 1967/68 befinden wir uns gerade im Prozess des Erinnerns, Nachdenkens und vielleicht auch Neudenkens; die größten und umfangreichsten Demonstrationen gab es in den frühen 1980er Jahren um den NATO-Doppelbeschluss. Die Arbeit von Andrew Tompkins liegt zeitlich genau dazwischen. Sie ist auch nicht allein der bundesdeutschen Antiatomkriegs-Bewegung gewidmet, sondern auch der französischen. Es geht Tompkins nur um eine bestimmte Bewegung, nicht um das Ganze der damaligen sozialen Bewegungen. [1] Gleichermaßen strebt er keinen Vergleich oder eine Verflechtung an, sondern er spitzt zu, dass es sich gleichsam um eine deutsch-französische Bewegung handelte, die nur je regionale oder nationale Ausprägungen aufwies. Programmatisch heißt das transnationale Sozialgeschichte (die ferner auch Züge einer Kultur- und Mentalitätsgeschichte aufweist). Dieser Ansatz, die französische und deutsche Seite integral zu sehen, mag richtig sein, aber da wäre eine Einbeziehung auch anderer europäischer Staaten denkbar gewesen, die natürlich - in die Tiefe gehend - eine Dissertation überfrachtete. Andere Europäer kommen nur am Rande als Teilnehmer von Demonstrationen vor; die USA ist durch graphische Hinweise auf Harrisburg/Three Miles Island vertreten. Am Rande sind die 1970er Jahre als Teil einer neuen Phase von Globalisierung eingeordnet.

Methodisch sehr reflektiert, geht es Tompkins darum, die einzelnen Aktivisten in den Vordergrund zu stellen und eine Geschichte der Basis zu schreiben. Dazu ist es sehr erhellend, dass er sein Thema in der Zeit (ähnlicher Rhythmus mit Höhepunkt nach 1975) und vor allem im Raum einordnet - und zwar großflächig: nicht zufällig fand sich am Oberrhein, im Elsass und in Baden eine Konzentration entsprechender Bauvorhaben und Bauten, symbolisiert durch die beiden Orte Wyhl und Marckolsheim, wo der regionale Austausch naturgemäß enger war als zwischen Larzac und Malville in Frankreich, Brokdorf, Grohnde, Kalkar oder Gorleben. Die Kategorie Raum spielt aber auch in der Mikroperspektive eine große Rolle. Tompkins hat in den Jahren 2009/2010 einige Dutzend Interviews mit wichtigen Protagonisten geführt, wertet darüber hinaus eine beeindruckende Dichte an Archivalien zu den einzelnen Nuklearstandorten aus, wie es so wohl noch niemand zuvor getan hat. Als Folge dessen kann er sehr überzeugend die Kommunikation, die unterschiedlichen Ansatzpunkte und Interessen etwa zwischen städtischem und/oder studentischem Protest und ländlicher Betroffenheit und Aktivität deutlich machen: Sorgen um das eigene Land, um die Anbaubedingungen, Industrialisierung und anderes dominierte dort vielfach zunächst, dann erst wurde die Angst vor den nuklearen Anlagen durch Unfallgefahr und Strahlung dominant.

Umgekehrt waren bei den von außen, aus der Nähe oder von fern kommenden Demonstranten und Mobilisierern ganz andere Erfahrungen wichtig, welche diese vor allem städtische Öffentlichkeit gewohnten Aktivisten zu neuen Lernprozessen, gerade auch in Kooperation und Konflikt mit ländlicher und bisweilen bisher nicht politisierter Bevölkerung brachten. Hier wendet sich Tompkins auf überzeugender empirischer Basis dagegen, bei der Antinuklearbewegung habe es sich nur um eine Ein-Punkte-Bewegung gehandelt. Das Gegenteil war bei genauem Hinsehen der Fall, wenn sich vor allem ökologische Themen der unterschiedlichsten Art, aber auch die Frauenbewegung und vieles andere damit verbanden und sich als neue Felder anlagerten. Wichtig wurde vor allem die staatliche, polizeiliche Begleitung, ja vielfach Schikane und Konfrontation, nicht zuletzt an gemeinsamen Initiativen an der deutsch-französischen Grenze.

Obwohl in Frankreich und in "Germany" (gemäß der dominierenden zeitgenössischen Terminologie immer nur die Bundesrepublik) letztlich recht unterschiedliche Wege zur Erzeugung von Atomstrom eingeschlagen wurden - Frankreich hat heute weltweit die höchste Quote, während man sich in der Bundesrepublik auch schon vor Fukushima nie so intensiv darauf einließ -, erkennt Tompkins in beiden Ländern in den 1970er Jahren ganz ähnliche Muster, auch eine intensive Beteiligung auf beiden Seiten des Rheins.

Die Arbeit ist schlüssig aufgebaut. Nach den genannten Themenkreisen werden die diversen Netzwerke, transnational und national, ausgebreitet, welche die grenzüberschreitenden Aspekte eindrucksvoll belegen. Die Besonderheiten von Protesten in ländlicher Umgebung wurden bereits angesprochen. "Power to the Bauer" als Überschrift bietet kaum mehr als einen Kalauer; die dabei gewonnenen Erkenntnisse etwa über die Rolle von Traktoren etc. sind deutlich besser. Die Gewaltfrage spaltete schon zeitgenössisch die Bewegung. Vor allem die Mitwirkung von Maoisten, Trotzkisten und verschiedener K-Gruppen versus gewaltfreiem Protest findet hier differenzierte Erörterung. Das kommt vor allem in Interviews heraus, wenn Aktivisten gewaltfreier Aktion erläutern, welche Arten von (Gegen)Wehr sie mit welchen Argumenten akzeptierten und z.T. auch unterstützten. "Peaceful but offensive" heißt die Überschrift. Hier werden Ursprünge der grünen Bewegung beider Staaten deutlich, die sich aber in längerer Sicht in Frankreich doch deutlich anders und wenig wirksam entwickelte.

Ein Ausblick unterstreicht, dass mit der Antithese Erfolg oder Scheitern nicht viel gewonnen ist. Im Materiellen wird gezeigt, dass nach den Protesten der 1970er Jahre wesentlich weniger Atomkraftwerke oder entsprechende -anlagen gebaut oder in Betrieb genommen wurden - freilich mit dem gravierenden Unterschied der französischen Atomstromdominanz. Wichtiger aber ist Tompkins die Aussage, dass der Protest der 1970er Jahre das Leben der Aktivisten verändert hatte. Das ist einerseits eine Banalität, andererseits vermag er durch die differenzierte Auswertung von Interviews vielfältige Wege bis in die Jahre um 2010 aufzuzeigen, die eine große Bandbreite an weiterhin gegenüber der alten Bindung solidarischen Verhaltensweisen unterstreicht. Diese Interviews sind für den eigentlichen Untersuchungszeitraum sehr erhellend, werden sie doch durch eine Fülle anderer Quellen gestützt. Für die Lebensgeschichten und Karrierewege der folgenden 40 Jahre ist jedoch die Gefahr der Selbststilisierung methodisch nicht von der Hand zu weisen. "Anti-nuclear protest not only changed politics and society; its greatest impact was arguably on the life trajectories of activists themselves."(219) Im Laufe der Zeit verloren gewaltbereite Gruppen wie Maoisten etc. an Bedeutung, die aktive Mitarbeit in den Institutionen der Gesellschaft, markiert vor allem in der formalen Parteibildung der Grünen/Les Verts, war das markanteste Kennzeichen.

Tompkins Studie imponiert durch Quellendichte, verbunden mit methodischer Reflexion, in welcher der Nuklearprotest auf dem Lande und somit "von unten" angegangen wird. Wenn oben von den markanten Eckpunkten vor und nach dieser Arbeit die Rede war, dann überrascht es, dass weder die 1968er Parole vom langen Marsch durch die Institutionen thematisiert wird noch die Friedensbewegungen, die für den Autor in den 1970er Jahren geradezu eine Ruhepause einlegten, jedoch spätestens nach den Demonstrationen gegen die Neutronenwaffe zusammengingen [2]; dabei wurde die schon länger in den Diskursen der Jahrzehnte zuvor separierte Trennung von "guter", stromerzeugender und "böser", Nuklearkrieg vorbereitender Kernenergie doch gerade in den 1970er Jahren verlassen. Der gesamtgesellschaftliche Wandel, jener von Politikstilen und Öffentlichkeit durch den Untersuchungszeitraum hindurch wird als eine der Folgeerscheinungen des Nuklearprotests genannt, doch waren diese wesentlich breiter begründet, was hier nur in der Vielfalt von Protestmotivationen vorkommt, nicht in der Breite des Wandels selbst thematisiert wird. Die Stärke der Studie allerdings liegt in der behutsamen und bedachten Erschließung einer transnationalen Basisbewegung.


Anmerkungen:

[1] Tompkins Arbeit erschien vor: Stephen Milder: Greening Democracy. The Anti-Nuclear Movement and Political Environmentalism in West Germany and Beyond 1968-1983, Cambridge 2017.

[2] Vgl. Susanne Schregel: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür. Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970-1985, Frankfurt/M. / New York 2013.

Jost Dülffer