Rezension über:

Alexander Demandt: Diokletian. Kaiser zweier Zeiten. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2022, 432 S., 3 Kt., 20 Farb-, 33 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-787317, EUR 32,00
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Rezension von:
Christian Rollinger
Fachbereich III - Alte Geschichte, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christian Rollinger: Rezension von: Alexander Demandt: Diokletian. Kaiser zweier Zeiten. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2022, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 5 [15.05.2023], URL: https://www.sehepunkte.de
/2023/05/37404.html


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Alexander Demandt: Diokletian

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Am Übergang von Kaiserzeit zu Spätantike erweckt die Gestalt Diokletians seit jeher Interesse und Neugierde, sowohl beim Fachpublikum als auch in der breiteren Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher ist es, dass eine deutschsprachige Biographie dieses Kaisers bislang fehlte, obschon solche in englischer, französischer und italienischer Sprache durchaus (und auch in jüngerer Zeit) veröffentlich wurden. [1] Gerade in der universitären Lehre machte sich die Lücke schmerzlich bemerkbar. Eine fundierte, aus den Quellen gearbeitete, auf dem neuesten Forschungsstand aufbauende, zugängliche allgemeine Darstellung Diokletians in deutscher Sprache, die Studierenden und der interessierten Öffentlichkeit dienen und auch dem Fachpublikum den einen oder anderen Impuls geben mag, ist ein Desiderat.

Mit großen Erwartungen nimmt man daher das knapp 400seitige Werk Alexander Demandts in die Hand, dessen Expertise im Bereich der Spätantike unbestritten ist. Auf knapp 300 Textseiten skizziert Demandt mit Quellenkenntnis und wohlstrukturiert die Epoche und den Mann, um den es ihm geht. In dreizehn Kapitel werden zunächst die Quellensituation (I) beschrieben und die Vorgeschichte des 3. Jh. (II) skizziert, bevor die wichtigsten Etappen der Machtgewinnung (III) und der tetrarchischen Regierungszeit (IV-VI) dargestellt werden. Die diokletianischen Reformen in der Verwaltung des Reiches (VII), der Finanzpolitik, Wirtschaft (VIII) und militärischen Organisation (IX-X) werden behandelt; auch der Christenverfolgung widmet sich ein Kapitel (IX), bevor abschließend "Abdankung, Tod und Nachfolge" (XII) sowie das Nachleben des Kaisers (XIII) thematisiert werden. Vier kurze Anhänge (301-318) widmen sich Detailfragen. Die dargebotenen Informationen werden mit der vom Autor gewohnten Sorgfalt vermittelt und präsentieren nüchtern einen Diokletian und eine Tetrarchie, die im Kern dem etablierten Bild folgt. Alleine in seiner Gesamtwürdigung der kaiserlichen Gestalt ist Demandt gnädiger als andere (299).

Eine grundlegend neue Interpretation der Periode will das Buch nicht leisten. [2] Auch eine wirkliche Biographie kann es natürlich nicht sein, das geben unsere Quellen schlicht nicht her. Die Darstellung ist eine im launigen Ton verfasste Erzählung, die die wichtigen Aspekte der Tetrarchie streift und das Nötigste ballt und verdichtet, dabei bisweilen aber auch versucht, den Charakter seiner Hauptfigur zu beleuchten. Demandt entwirft ein in sich stimmiges Bild 'seines' Kaisers und spickt die Nacherzählung der Quellen mit Erläuterungen zum größeren historischen Kontext, wobei er auch immer wieder, manchmal vielleicht etwas zu bereitwillig, erläuternd auf die 'klassische' Prinzipatszeit zurückgreift. Allerdings erweist sich dieser in der Tendenz doch eher konservative Zugang an die Materie als ein Schwachpunkt und es bleibt leider der Eindruck, dass das oben skizzierte Desiderat auch mit Erscheinen der vorliegenden Biographie nicht erfüllt ist. Das präsentierte Bild ist in zu vielen Hinsichten sehr konventionell, um nicht zu sagen altmodisch. Das beginnt bereits damit, dass Demandt in seinem "Vorspruch" und auch anschließend (9; vgl. 135) an der traditionellen Unterteilung der römischen Kaiserzeit in "Prinzipat" und "Dominat" festhält, zumindest als für den Leser ordnende Kategorie. Daran glaubt heute freilich fast niemand mehr, oder sollte es nicht. [3] Seine Konzeption der vieldiskutierten Mehrherrschaft ist sehr stark der jahrzehntealten Diskussion um die Frage nach der geplanten oder nicht-geplanten Natur des tetrarchischen 'Systems' verhaftet (67; 262; 264; 266; 268), wobei Demandt hier dezidiert auf Seiten Frank Kolbs Stellung bezieht. Durch das Werk zieht sich dieses Verständnis Diokletians, der ein neues Herrschaftssystem konzipiert habe, welches unter anderem die dynastische Erbfolge ausschloss, mehr oder minder starre regionale Verwaltungssprengel für die vier Kaiser schuf und welches schließlich nach seinem Tod 'unterging', auch wenn die (dynastische) Mehrherrschaft an sich bestehen blieb. Raum für eine kritische Hinterfragung der Existenz dieses 'Systems' oder gar für eine neuere, den sterilen Streit um die Frage nach dem Plan und Konzept Diokletians transzendierende Sichtweise, ist hier nicht. [4] Zudem wird oft eine Sichtweise auf den Forschungsgegenstand präsentiert, die ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. [5] Demandt rekurriert z.B. häufiger auf ein spätantikes "Staatsrecht" (54; 122; 134; 264) sowie auf den "neuartigen Absolutismus" Diokletians (131), beides Konzepte, die zumindest kontextualisiert werden müssten, wenn man sie nicht gleich besser aufgibt. Seiner Darstellung der diokletianischen Reformen scheint das Verständnis einer 'Reichskrise' des 3. Jh. (22; 24; 141) zugrunde zu liegen, dessen Dimension und Charakter als wirkliche 'Reichskrise' in den letzten Jahrzehnten weitgehend relativiert worden ist. [6] Entsprechend ist auch der Hinweis auf eine (implizit reichsweit verstandene) Inflation bzw. den "krankhaften Zustand der Wirtschaft in Rom des 3. Jahrhunderts" (158) unglücklich, hat doch die wirtschaftshistorische Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass das Bild der universell gebeutelten Wirtschaft nicht zu halten ist. [7] Bemerkenswerte, ja spektakuläre Neufunde der letzten Jahrzehnte, die unser Verständnis gerade der repräsentativen Aspekte der Tetrarchie beeinflusst haben oder noch werden, sind nicht in die Betrachtung miteinbezogen; besonders schmerzlich vermisst man z.B. die vor mehr als einem Jahrzehnt in Olbia auf Sardinien gefundene Terrakottagussform, die den Triumph Diokletians und Maximians in bemerkenswerter Detailfreude zeigt, aber auch die polychromen tetrarchischen Reliefdarstellungen, die in Diokletians Residenzstadt Nikomedien gefunden wurden. [8]

Formal ist das Buch kaum zu beanstanden, wie von dem Verlag auch nicht anders zu erwarten ist. Die farbigen Tafelbilder sind durchweg von hoher Qualität, alleine bei den im Text ergänzend vorkommenden Abbildungen lässt diese bisweilen deutlich zu wünschen übrig (z.B. Abb. 7, S. 90). Die häufigen - und häufig gelehrten - obiter dicta, die Abschnitte und Paragraphen mit historischen Anspielungen abrunden, scheinen manchmal gleichsam aus dem Nichts zu kommen: Sie spannen die Brücke von heutigen "Mogelpreise[n]" (159), über Mussolini (259) und den Pfauenthron des persischen Schahs (132), bis hin zum Kirchen-zu-Hallenbädern-Verhältnis im modernen Rom (227). Zwar irrt der Autor in letzterem Fall - natürlich gibt es in der Stadt Rom heute auch öffentliche Hallenbäder und nicht nur Kirchen -, ma se non è vero ...

Demandts "Diokletian" bietet also insgesamt eine nüchterne Darstellung der Herrschaftszeit dieses überaus faszinierenden Kaisers. Die breitere Öffentlichkeit und vor allem Studierende werden sich, alleine schon wegen der Sprache, in welcher es verfasst wurde, zukünftig wohl zuerst an Demandts Werk wenden. Das hat nicht nur Vorteile: Demandts "Diokletian" ist vom Grundzuschnitt her konventionell, verfolgt bewusst eine 'traditionelle' Herangehensweise an die Epoche und bewegt sich nicht in allen Bereichen auf dem aktuellen Forschungsstand. Für die Fachwelt bietet das Buch dementsprechend nichts Neues, was es auch nicht will. Aber den übrigen Lesern vermittelt es ein Bild der Epoche und der Disziplin, welches nicht mehr ganz zeitgemäß ist. [9]


Anmerkungen:

[1] Um nur die wichtigsten Studien in den modernen Fachsprachen zu nennen: S. Williams: Diocletian and the Roman Recovery. London/New York 1985; W. Seston: Dioclétien et la tétrarchie 1. Guerres et reformes (284-300). Paris 1946; B. Rémy: Dioclétien. L'empire restauré. Paris 2016; U. Roberto: Diocleziano. Rom 2014; F. Carlà-Uhink: Diocleziano. Bologna 2019; Die Studien von Wolfgang Kuhoff (Diokletian und die Epoche der Tetrarchie. Das römische Reich zwischen Krisenbewältigung und Neuaufbau [284-313 n.Chr.]. Frankfurt am Main 2001) und Frank Kolb (Diokletian und die Erste Tetrarchie. Improvisation oder Experiment in der Organisation monarchischer Herrschaft?, Berlin/New York 1987) sind zu anspruchsvoll, um als 'Biographie' bzw. als Einführung gelten zu können.

[2] Der Sammelband "The Tetrarchy as Ideology. Reconfigurations and Representations of an Imperial Power" (Stuttgart 2023), an dem der Rezensent als Mitherausgeber beteiligt war, versucht genau das; entsprechend hat er eine eigene Perspektive auf die Tetrarchie, die sich von der Demandts deutlich unterscheidet.

[3] M. Meier: Das späte Römerreich ein 'Zwangsstaat'? Anmerkungen zu einer Forschungskontroverse, in D. Brodka u.a. (Hg.): Freedom and its limits in the ancient world. Proceedings of a colloquium held at the Jagiellonian University, September 2003. Krakau 2002, 193-213.

[4] Gegen das Bild des tetrarchischen 'Systems' hat sich zuletzt B. Leadbetter: Galerius and the will of Diocletian. London/New York 2009 positioniert.

[5] Das zeigt sich auch in gelegentlichen Formulierungen: Die "Weiberherrschaft" ist zwar wohlgeraten in Anführungszeichen gesetzt, aber man könnte auf eine solche Semantik auch gerne verzichten - insbesondere, wenn sie verwendet wird, um etwas wacklige Vermutungen zu stützen (auf 44 sinniert Demandt über den fehlenden Augusta-Titel für tetrarchische Frauen: "Wollte Diokletian einer 'Weiberherrschaft' wie unter den letzten Severern vorbauen, als es sieben Kaiserinnen im Augusta-Rang gab?"). Eigenwillig ist es auch, im Kontext antiker und moderner Städtenamenpolitik zu formulieren "Königsberg" habe "wohl keine Chance" mehr (255).

[6] Zur jüngeren Forschungsgeschichte, s. T Gerhardt: Forschung, in K.-P. Johne (unter Mitwirkung von U. Hartmann und T. Gerhardt) (Hg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n.Chr. (235-284), Band 1. Berlin 2008, 125-160.

[7] Grundlegend dazu H.-J. Drexhage: Zur Preisentwicklung im römischen Ägypten von ca. 260 n. Chr. bis zum Regierungsantritt Diokletians, MBAH 6 (1987), 30-45 und D. Rathbone: Monetisation, not price-inflation, in third-century A.D. Egypt?, in C. King & D. Wigg (Hg.): Coin Finds and Coin Use in the Roman World. Berlin 1996, 321-339; ergänzt durch K. Ruffing: Die Wirtschaft, in K.-P. Johne (unter Mitwirkung von U. Hartmann und T. Gerhardt) (Hg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n.Chr. (235-284), Bd 2. Berlin 2008, 817-842.

[8] M.L. Gualandi: Due imperatori per un trionfo. La matrice di Olbia: un hapax 'fuori contesto', in M. Milanese, P. Ruggeri & C. Vismara (Hg.): L'Africa romana; XVIII. I luoghi e le forme dei mestieri e della produzione nelle province africane, Bd. 3, Rom 2010, 1915-1933; T. Şare Ağtürk: A New Tetrarchic Relief from Nicomedia. Embracing Emperors, AJA 122 (2018), 411-426; T. Şare Ağtürk: The Painted Tetrarchic Reliefs from Nicomedia. Uncovering the Colourful Life of Diocletian's Forgotten Capital. Turnhout 2021.

[9] Die Einschätzung der jüngeren Spätantikeforschung durch den Autor ist in dieser Hinsicht sprechend: "Vier Fünftel von allem Wissenswerten über die Spätantike findet sich bereits bei Edward Gibbon und Jacob Burckhardt" (A. Demandt: Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian, 284-565 n. Chr. Vollständig bearbeitete und erweiterte Neuauflage. München 2007), Vorwort.

Christian Rollinger