sehepunkte 26 (2026), Nr. 3

Norbert Furrer: Der Körper des gemeinen Mannes

Die Studie Norbert Furrers versteht sich programmatisch als "Beitrag zur historischen Ökologie" (13). Allerdings richtet sich der Blick nicht auf den menschengemachten Landschaftswandel, sondern umgekehrt auf den Einfluss von Kulturlandschaft und individuellen Lebensumständen auf die menschliche Physis. Der Körper erscheint als Resultat multipler Umweltbedingungen. Damit betritt Furrer, der als langjähriger Dozent an der Universität Bern durch quellengesättigte Arbeiten zur schweizerischen Wirtschaftsgeschichte hervorgetreten ist, ein anspruchsvolles, interdisziplinär anschlussfähiges Feld zwischen Körpergeschichte, historischer Anthropometrie und Umweltgeschichte.

Quellengrundlage sind 713 Steckbriefe ("Signalmente") aus dem deutschsprachigen Teil des ehemaligen Kantons Bern zwischen 1750 und 1800 - 663 Männer und 50 Frauen. Diese in der Schweiz zu Abertausenden überlieferten, teils deutsch-, teils französischsprachigen Fahndungstexte bilden mit ihren hunderten transkribierten Seiten den Kern des Bandes. Die Transkription der Quellen erfolgte über Jahre hinweg, teils im Rahmen universitärer Forschungsseminare und noch völlig ohne den Einsatz KI-gestützter semantischer Analyse. Der Anspruch, aus qualitativen vormodernen Beschreibungspraktiken quantitative Aussagen zu generieren, ist ebenso ambitioniert wie methodisch herausfordernd.

In der Kriminalitäts- und Sicherheitsgeschichte gelten vormoderne Steckbriefe seit Langem als aufschlussreiche Kreuzungspunkte zwischen obrigkeitlicher Normenpolitik, Intensivierung sozialer Kontrolle und Alltags- beziehungsweise Sozialgeschichte. Bereits vor rund zwanzig Jahren hat Valentin Groebner sie als Ausdruck eines sicherheitspolitischen Ringens um die Entwicklung standardisierter Kategorien individueller Identifizierbarkeit beschrieben. Furrer hingegen interessieren - und das ist eine legitime Forschungsperspektive - weder die Genese moderner Staatlichkeit noch Identitätskonzepte; sein Erkenntnisinteresse richtet sich ausschließlich auf das statistische "Auslesen" körperlicher Merkmale. Sein Ziel ist es, die Wandelbarkeit menschlicher Leibesbeschaffenheit in Abhängigkeit von landwirtschaftlicher Produktion, Klima oder topografischen Bedingungen zu erfassen. Leider erschwert jedoch die umständliche und redundante Form der Aufbereitung und Präsentation den Zugang zu den durchaus interessanten Erkenntnissen dieser Quellenart.

Der Band gliedert sich formal in vier Teile: I. Einstieg, II. Korpus, III. Analyse und IV. Ausblick. Eine eigentliche Einleitung fehlt. Der Abschnitt "Forschungsstand" umfasst nicht einmal zwei Seiten und referiert lediglich zwei Untersuchungen zum Größenwachstum im 18. Jahrhundert, mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass Schweizer Männer im Durchschnitt etwa 1,70 m, Frauen etwa 1,60 m groß gewesen seien. Eine breitere Einbettung in internationale Forschungen zur Fahndungsgeschichte, zur historischen Anthropometrie oder zur Körpergeschichte unterbleibt.

Bereits Teil I (Einstieg) wirkt in seiner Anlage sprunghaft. Die Vorstellung der Quellen bleibt kontextarm; weder Überlieferungsgeschichte noch Einordnung in die Schweizer Geschichte oder methodische Rückbindung an körperhistorische Debatten werden geleistet. In I.3. werden elf hochwertige Farbreproduktionen von Ölgemälden präsentiert, Teile eines 125 Bilder umfassenden Trachtenzyklus der 1790er Jahre. Diese außergewöhnlichen Bildquellen werden jedoch weder ikonografisch noch bildtheoretisch problematisiert; die Auswahl bleibt erratisch. Hinzu kommt, dass nahezu sämtliche Bildunterschriften im Druck vertauscht wurden - was erst bei genauer Betrachtung auffällt, da Altersangaben und Bekleidung nicht zu den jeweiligen Titeln passen können. In I.4 (41-78) folgt ein als "Florilegium" (20) bezeichneter Quellenauszug: Totenrödel (Sterbelisten), Tagebücher, Briefe, medizinische Traktate und topografische Beschreibungen werden auszugsweise präsentiert. Diese heterogene Materialsammlung soll ergänzende physische Beschreibungen von "Bernerinnen und Bernern" liefern, bleibt jedoch ohne Kontextualisierung oder Quellenkritik, gerade der gewählten physischen Beschreibungen und steht additiv neben dem eigentlichen Korpus.

Teil II (Korpus) eröffnet mit tabellarischen Übersichten zu Modi der Aussagen, Typen von Körperbeschreibungen, zeitlicher und örtlicher Verteilung, lokaler Herkunft, Geschlecht, Alter und Beruf der zur Fahndung ausgeschriebenen Personen. Den Kern bildet II.2 (115-320), die vollständige Transkription der 713 Signalmente. Es folgen auf rund 120 Seiten erneut tabellarische Zusammenfassungen derselben Fälle in reduzierter Form, alphabetisch geordnet und nach Geschlechtern getrennt. Diese Dopplung - möglicherweise zur Erleichterung genealogischer Recherchen gedacht - führt zu langen, grafisch schwer lesbaren Textspalten. Der durchgehend überbordende Fußnotenapparat dokumentiert zusätzliche Recherchen zu Eltern, Geburtsdaten, Herkunft, Eheschließungen sowie Todes- und Familiendaten und nimmt bis zur Hälfte einer Seite ein. Für genealogische Fragestellungen ist dies zweifellos wertvoll; bezogen auf die übergeordnete Thematik trägt es jedoch nur zur Unübersichtlichkeit bei.

Teil III (Analyse) behandelt in knappen, halbseitigen Einleitungen verschiedene Körperkategorien - Größe, Statur, Haarfarbe, Gebiss, Haut, Alter und weitere besondere Kennzeichen - und setzt diese in Beziehung zu Herkunftsorten und Zeiträumen. Die Darstellung erfolgt erneut überwiegend in Form umfangreicher Tabellen. Häufig werden die in den Quellen vorher transkribierten Formulierungen in den Fußnoten 1:1 wiederholt. In III.5 richtet sich der Fokus auf 28 Männer, die über mehrere Jahre hinweg mehrfach ausgeschrieben wurden. So sollen individuelle körperliche Veränderungen sichtbar gemacht werden. Wieder dominieren redundante Transkripte und Tabellen; die Ergebnisse - neue Narben, ergraute Haare, verlorene Zähne - sind wenig überraschend. Teil IV (Ausblick) erweist sich ebenfalls nicht als synthetisierende Perspektivierung, sondern verfährt wie gehabt unter - teilweise zum dritten Mal - Abdrucks bereits in II. vollständig transkribierter Signalmente, nun unter genealogisch-biografischen Gesichtspunkten. Der Band schließt mit Namenslisten, einem zeitgenössischen Glossar in Französisch und Deutsch sowie einer Bibliografie.

Furrer gelingt es durchaus, seinem Korpus durch statistische Berechnungen interessante Befunde zu entlocken, wie dass Männer erheblich später grau und glatzköpfig wurden als heute. Aber der Gesamteindruck ist der einer Werkstattpublikation. Positiv gewendet bietet der Band maximale Transparenz hinsichtlich seiner Kategorienbildung, der statistischen Verfahren und der mühsamen, akribischen Datenerhebung - vor dem Zeitalter der Digital Humanities. So bleibt ein ambivalentes Urteil. Furrers Studie stellt einen außerordentlich reichen Fundus zur Körpergeschichte des 18. Jahrhunderts in der alten Berner Landschaft bereit und dokumentiert eine beeindruckende, über Jahre geleistete Transkriptions- und Auswertungsarbeit. Zugleich leidet sie an konzeptioneller Unschärfe, fehlender Einbettung in bestehende Forschungsdebatten und erheblichen editorischen Mängeln. Die immense Datensammlung wäre - so ließe sich argumentieren - in Form einer durchsuchbaren Datenbank oder eines digitalen Editionsprojekts womöglich nachhaltiger nutzbar, auch für weiterführende Fragestellungen etwa zu generationsübergreifender Fertilität oder Lebensdauer, aber auch in Bezug auf die stärker zu historisierenden physischen Beschreibungen. In gedruckter Form hingegen bleibt die Arbeit trotz ihres Materialreichtums schwer zugänglich und wird wohl vor allem Bern-Spezialistinnen und Spezialisten als Referenz- und Nachschlagewerk dienen.

Rezension über:

Norbert Furrer: Der Körper des gemeinen Mannes. Über die Physis von Bernern (und Bernerinnen) des 18. Jahrhunderts, Zürich: Chronos Verlag 2025, 636 S., Diverse Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-0340-1806-7, EUR 68,00

Rezension von:
Maren Lorenz
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Empfohlene Zitierweise:
Maren Lorenz: Rezension von: Norbert Furrer: Der Körper des gemeinen Mannes. Über die Physis von Bernern (und Bernerinnen) des 18. Jahrhunderts, Zürich: Chronos Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 3 [15.03.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/03/39925.html


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