Die Publikation "Revolutionary Romances?" erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die von November 2023 bis Juni 2024 im Albertinum in Dresden stattgefunden und über 200 Werke aus den 1950er bis 1990er Jahren präsentiert hat. Diese thematisierten die freundschaftlich-revolutionären Beziehungen der DDR zu sozialistischen Ländern und Bewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Die "progressiv-idealistische" Titel-These soll an die damalige Hoffnung auf einen sozialistisch geprägten Internationalismus verweisen; das Fragezeichen für die "gerade im Rückblick offensichtlichen Ambivalenzen und Widersprüche dieser Utopie" stehen, wie die Herausgeber:innen in der Einleitung schreiben. (23)
Ausstellung und Buch sind das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojektes, dessen Basis die Sammlungsbestände des Albertinums, des Kupferstich-Kabinettes und des Kunstfonds der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) bildeten. Die Publikation vereint neben dem einleitenden Text von Reinhardt, Schankweiler und Wagner sieben Aufsätze, die das Thema breit aufstellen. Einen direkten Bezug zur Ausstellung bilden die Werke von 28 Künstler:innen, die im mittleren Teil des Buches abgebildet und mit kurzen Texten beschrieben sind. Dabei werden sowohl Kunstwerke, die in der DDR entstanden, als auch zeitgenössische Arbeiten zur globalen Kunstgeschichte in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt.
Für die Gestaltung des Buches spielen zudem Zitate eine hervorgehobene Rolle. Sie stammen aus Interviews, die im Rahmen des Forschungsprojektes "Art in Networks - The GDR and its Global Relations" mit Protagonist:innen geführt wurden. Diese äußerst informativen Interviews waren zum Teil in der Ausstellung zu sehen und sind es komplett und dauerhaft unter https://artinnetworks.webspace.tu-dresden.de. Ein wichtiger Bestandteil dieser Gespräche sind die Reisemöglichkeiten in der DDR, die Nora Kaschuba, Jule Lagoda und Kerstin Schankweiler in ihrem Text zu "Mobilität und Einschränkung" als Teil politischer Reglementierung beschreiben. Sie verweisen darauf, dass dieses Sujet sehr breit gedacht werden muss und dass dazu "unbedingt die imaginierten und verhinderten Reisen" gehören. (153)
Eine Möglichkeit, mit der Welt zu korrespondieren, boten in der DDR die internationalen Netzwerke der Mail-Art. Dazu liegen bereits zahlreiche Forschungen vor, aber Elena Shtromberg konzentriert sich in ihrem Beitrag "The Global Postal" auf den bisher weniger bekannten Austausch mit Lateinamerika. Sie stellt die Künstler Leonhard Frank Duch aus Brasilien, Horacio Zabala aus Argentinien, Clemente Padin aus Uruguay sowie Guillermo Deisler aus Chile vor. Indem sie einzelne Postkarten genau beschreibt, die von ihnen in die DDR geschickt wurden und dort u.a. Robert Rehfeldt erreichten, kann sie auf politische relevante Motive hinweisen. So bat beispielsweise Duch die Adressat:innen seiner Postkarte mit einem großen schwarzen Loch in der Mitte: "Füll das Loch dringend mit irgendwas und schick es mir zurück, okay?" (53) Die Antworten, von denen einige abgebildet sind, beziehen sich dann oft auf Freiheitsbeschränkung, Gefängnis, Folter und Tod.
Ebenso detailliert und kenntnisreich schreibt Võ Hồng Chương-Đài von zwei vietnamesischen Künstler:innen, der Grafikerin Trịnh Kim Vinh und dem Grafiker Trần Việt Sơn. Beide haben in den 1970er Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert und sich intensiv mit Lithographie beschäftigt. Die Autorin zeichnet ihre künstlerische Entwicklung ausführlich nach und kommt so zu dem differenzierten Schluss, dass sich die in Dresden entstandenen Grafiken "einer simplen Trennung von Moderne und Tradition oder westeuropäischer Moderne und sozialistischem Realismus" entziehen. (126)
Petra Lange-Berndt, Annabel Ruckdeschel und Christian Saehrendt thematisieren in ihren Beiträgen die Verknüpfung von kultur- und geopolitischen Interessen im Namen der transkontinentalen Solidarität. Saehrendt schreibt über die wirtschaftlichen Absichten der DDR in Angola und Mosambik, in Syrien und im Irak. Lange-Berndt konzentriert sich auf die deutsch-deutsche Entstehungsgeschichte von Dokumentarfilmen über den Kongo in den Jahren 1965-1966. Ruckdeschel analysiert die Ausstellungsreihe "INTERGRAFIK", die von 1965 und 1990 in Ost-Berlin stattgefunden hat, hinsichtlich politischer Einschränkungen und künstlerischer Grenzen.
Doreen Mende schließlich holt die "verflochtenen Internationalismen" in die Gegenwart und bezieht die Transformationserfahrungen in Ostdeutschland in ihre Analyse ein. Sie fordert die Sichtbarmachung der "transgenerationalen Dialoge in einem globalen Netzwerk", denn der "Bruch um 1990 betrifft nicht nur Menschen im Osten von Deutschland, sondern wird in Geografien sowie Generationen weltweit bis heute verarbeitet." (162)
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Publikation "Revolutionary Romances? " einen wichtigen Beitrag zu den globalen Kunstgeschichten in der DDR leistet und in der vielfältigen aktuellen Forschung zum Thema einen zentralen Platz einnimmt. Am stärksten ist die Veröffentlichung dort, wo sie nah an den Kunstwerken aus den verschiedenen Sammlungen der SKD bleibt. Wie bereichernd und wichtig es ist, sich intensiv auf einzelne Werke einzulassen, zeigen die Aufsätze von Shtromberg und Vo. Auch die Gestaltung des Buches sowie die Druckqualität der zahlreichen Reproduktionen, vor allem die großformatigen Abbildungen von Grafiken und Zeichnungen, sind herauszustellen.
Mathias Wagner / Kerstin Schankweiler / Kathleen Reinhardt u.a. (Hgg.): Revolutionary Romances? Globale Kunstgeschichten in der DDR, Leipzig: Spector Books 2024, 176 S., 110 Farb-, 25 s/w-Abb., ISBN 978-3-95905-781-3, EUR 25,00
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