Selten hat man über das Ende der Weimarer Republik mit so viel Spannung, Farbe und Dramatik gelesen wie in Biskys Entscheidung. Gerade weil dieser rechtlich-technische Begriff hier weniger politisch als metaphorisch offen und übergreifend gebraucht wird, sowohl was Parteien, Personen und Parlamente betrifft als auch soziale Konflikte, intellektuelle Akteure, kulturelle Bewegungen und Großereignisse. Den Rahmen bildet das hochpolitisierte Spannungsfeld von Moderne und Gegenmoderne, von Demokratie und Diktatur, das parlamentarische und noch mehr das außerparlamentarische Feld. Keine strenge Chronologie zwingt den reportageähnlichen, abbildungs- und zitatreichen Bericht zusammen, was der Spannung und der Lesefreude zugutekommt. Man kennt den Täter von Anfang an, möchte aber doch auf jeder Seite wissen, wie er sich durchsetzte, ob allein Wählerstimmen ihm zur politischen Macht verhalfen oder sie ihm schließlich von jenen übertragen wurde, die glaubten, dadurch ihre soziale Macht behaupten zu können.
Die politische Polarisierung ist nicht nur der Spannungszustand, der die Gesellschaft in einen erregten Erwartungszustand versetzte; sie charakterisiert auch den erzählerischen Modus von Biskys Bericht dieser letzten Jahre der Weimarer Republik. Nach dem Scheitern der Großen Koalition im März 1930 war der Status der parlamentarischen Demokratie verloren. Die Zeichen standen auf Zusammenbruch und Zeitenwende. Erwartung und Hoffnung auf Führung und Erneuerung Deutschlands waren so groß wie die Angst vor dem Bürgerkrieg und dem sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch. Der Ausgang war lange offen. Man darf vermuten, dass Gustav Stresemanns früher Tod und Hermann Müllers schwere Erkrankung die Lage verschlechtert haben.
Bisky beschreibt dies nicht mit Zahlen, Statistiken und trockener Lehrbuchprosa. So unterhaltsam wie belesen baut er die Stimmen von bekannten und weniger bekannten zeitgenössischen Beobachtern ein. Natürlich begegnen wir Harry Graf Kessler, Walter Dirks hingegen dürften nur wenige kennen. Und der amerikanische Journalist H. R. Knickerbocker wird zu einer Leseempfehlung. Deutschland, so schrieb er in seinem Buch "Deutschland. So oder so?", ist "industriell die stärkste Macht in Europa, finanziell die unsicherste, politisch die zerrissenste und in sozialer Hinsicht ein Pulverfaß, in das jeden Augenblick der Funke fallen kann" (X).
Immerhin behauptete sich die gespaltene und gelähmte Republik in diesem Szenario fast zwei Jahre lang. Schrittweise wurde die extreme Rechte stärker. Ihre Mobilisierungskraft bewegte die Massen. In dem 1,6 Mio. Einwohner kleinen Thüringen gewann die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Dezember 1929 elf Prozent der Stimmen; Adolf Hitler setzte erstmals eine Regierungsbeteiligung durch. Im März 1932 wurde Paul von Hindenburg bei der Reichspräsidentenwahl erneut gewählt, aber für Hitler stimmten im zweiten Wahlgang knapp 14 Millionen, also schon fast ein Drittel der 44 Millionen Wahlberechtigten. Im Wahlkampf präsentierte er sich als "Retter Deutschlands", gegen die angebliche Schwäche der Republik stellte er die Stärke, Disziplin und Einheit seiner Bewegung, wie der Autor schreibt.
Nun ging es Schlag auf Schlag: Staatsstreich in Preußen, Reichstagswahl im Juli und November 1932, blutige Wahlkämpfe, Gewalt und Terror. Unter dem Motto "Deutschland erwache. Gebt Hitler die Macht!" wurde die NSDAP erneut stärkste Reichstagsfraktion, Hermann Göring Reichstagspräsident. Dann folgten die letzten Szenen des schaurigen Finales: Das Ende der Präsidialregierungen Schleicher und Papen, der brennende Reichstag, die nicht mehr freie Reichstagswahl im März 1933, der Aufbruch wurde zum Anfang vom Untergang.
In einem der letzten Abschnitte macht Bisky eine Pause, entgeht der Gefahr, Hitler durch Hitler zu erklären. Noch einmal ruft er zeitgenössische Beobachter auf, die sich selbst in höchster Gefahr befanden, aber doch die intellektuelle Kraft zur distanzierten Urteilsbildung bewahrt haben. Einer von ihnen ist der unvergessliche Ernst Fraenkel, der in Weimar als Arbeitsrechtler für SPD und Gewerkschaften tätig war, als Emigrant in den USA überlebte und nach 1945 Mitbegründer der Politischen Wissenschaft in Deutschland wurde.
Leider geht Bisky nur beiläufig auf dessen dialektische Pendeldemokratie ein und lässt die gute Gelegenheit aus, die dramatische Verdichtung der weimarischen Zerrissenheit zur Selbstzerstörung der Republik in einen größeren zeitlichen Horizont zu stellen. Die emotionalisierten Massenbewegungen, blutigen Straßenkämpfe und verantwortungslosen Anführer waren eine ad-hoc-Erscheinung des Nachkriegsjahrzehnts. Aber die Entscheidung gegen Demokratie, Rechtsstaat und Zivilisation stand in dem verfassungsrechtlichen wie verfassungspolitischen Kontext der langen Reichsgründung von 1871 bis 1918.
Es hätte sich in einem abschließenden Rückblick auf wenigen Seiten zeigen lassen, dass die notorische Unfähigkeit zu Kompromiss und Koalitionsbildung, selbst der verfassungsloyalen Parteien Weimars, im Kaiserreich entstanden ist. Das wahrscheinlich folgenschwerste Ereignis der neueren deutschen Geschichte geht auf den Reichsgründer zurück. Zur nachhaltigen Festigung der inneren Stabilität, suchte Bismarck nach einem Kompromiss und griff zu einer "mißbräuchlichen Verkoppelung widerstreitender Prinzipien", wie der leider vergessene Wolfgang Sauer 1968 treffend schrieb. [1] Die konstitutionelle Monarchie des Kaiserreichs war nichts anderes als eine Art Synthese aus Monarchie und Demokratie unter Ausklammerung bzw. Aufschiebung der Souveränitätsfrage. Carl Schmitt nannte das verharmlosend einen bloß "dilatorischen Kompromiss", dessen Spätfolgen er 1933 erlebte und mit Freuden begrüßte.
Diese Synthese hat zwar den Beginn einer dynamischen Demokratisierung der Gesellschaft nicht verhindern können, nachhaltig aber deren Parlamentarisierung geschwächt. Von der Regierungsbildung war der Reichstag ausgeschlossen. Und er blieb es lange - viel zu lange. Selbst dann noch, als Wilhelm II. unter dem Druck des Offenbarungseids der deutschen Obersten Heeresleitung und des amerikanischen Präsidenten, der nur mit demokratisch legitimierten deutschen Vertretern über das Ende der Kämpfe reden wollte, auf seine verbrieften Rechte verzichtete und am 28. Oktober 1918 im Reichstag aus der halbdemokratisch-konstitutionellen eine parlamentarische Monarchie nach britischem Vorbild machte. Souverän war nun das Volk. Aber es wusste gar nichts davon. Und niemand erklärte ihm, was gerade geschehen war. Diese zentrale Entscheidung, die Bisky in seinem Buch nicht thematisiert, blieb unbekannt und unverstanden. In den Lehrbüchern liest man bis heute nur von "Oktoberreformen". Der Souveränitätswechsel holte sehr spät nach, was 1848/89 misslang.
Zwar geht Bisky zum Schluss noch einmal bis 1923 zurück, setzt sich aber nicht damit auseinander, dass der gescheiterte Novemberputsch den Beginn von Hitlers phänomenalem Aufstieg bedeutete. Vielmehr beendet er sein Buch mit der so lapidaren wie emotionalen Botschaft: "Wer heute auf das Ende Weimars zurückblickt, weiß: Es ist politisch leichtfertig, nicht mit dem Schlimmsten zu rechnen" (580). Nach einer, wenn auch kurzweiligen, Lektüre von 600 Seiten ist das ein etwas bescheidener Lesegewinn, politisch ein unnötig banalisierender Schluss, aber auch respektlos gegenüber jenen Millionen Menschen vor allem jüdischer Religionszugehörigkeit, die durch die deutschen Gewaltverbrechen in der NS-Zeit ihr Leben verloren.
Anmerkung:
[1] Wolfgang Sauer: Das Problem des deutschen Nationalstaates, in: Helmut Böhme (Hg.): Probleme der Reichsgründungszeit 1848-1879, Köln / Berlin 1968, 474.
Jens Bisky: Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934, 3. Auflage, Berlin: Rowohlt 2024, 640 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-7371-0125-7, EUR 34,00
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