Wie sind kunstreproduzierende Konsumwaren in bürgerlichen Gesellschaften zu beliebten Geschenken geworden? Um diese Frage kreist der von Joseph Imorde, Mirja Beck und Franziska Lampe herausgegebene Band, indem er neun Untersuchungen zu Geschenkartikeln mit Kunstthematik präsentiert. Sie liefern in erster Linie eine kulturhistorische Einordnung von Artefakten, die zum größten Teil auf dem deutschen Markt des 19. und 20. Jahrhunderts vertrieben wurden. Dazu gehören neben Büchern, Kalendern, Drucken, Tassen und Postkarten, die Kunstwerke wiedergeben, auch Malkästen, die eher zur Nachahmung von Künstlertum anstiften.
Dass die Praxis des Schenkens und die Popularisierung der Kunstgeschichte mit der Möglichkeit von bzw. dem Wunsch nach Aufstieg zusammenhängen, wie sie die bürgerliche Gesellschaft kennzeichnen, erläutern die Herausgebenden in einer kurzen Einleitung. In jenem Kontext spiegeln die kunsthistorischen Geschenkwaren erstens den Anspruch der Schenkenden oder der Beschenkten wider, ihren sozialen Status durch Bildung zu verbessern oder verbessert zu haben. Denn sie verweisen zweitens auf "ideelle Gemeinschaften" (8) und behaupten deren kulturelle Souveränität, im Fall der meisten Gegenstände des Bands die einer deutschen Nation. Folglich geht die Verfertigung der Kunstgeschichte als Konsumgut drittens mit der Verfestigung, Ideologisierung und Popularisierung eines Werkkanons einher.
Der Frage, wie Geschenkwaren zu dessen Nationalisierung beitrugen, widmen sich mehrere Aufsätze des Bandes. Über kunsthistorische Prachtbände, die v.a. im deutschen Kaiserreich verschenkt wurden, bemerkt Joseph Imorde, sie funktionierten wie ein "Denkmal, das im Salon aufgesockelt werden wollte" (10). Unter den Publikationen, welche die "Verehrung der großen Männer" (15) anzeigten und antrieben, greift er die Rembrandt-Galerie von 1886 als Beispiel für die Stilisierung eines deutschen, evangelischen und bürgerlichen Künstlers heraus. Auch die billigeren Bücher mit kunsthistorischem Thema, die in der Weimarer Republik und im Dritten Reich als Geschenke vermarktet wurden, reproduzieren einen nationalen Kanon, wie Sebastian Fitzner herausarbeitet. Reihen wie Der eiserne Hammer oder Deutsche Kunst Sonderhefte waren einerseits als Waren, die "Anreize zum Sammeln" bieten, und andererseits als Medien der NS-Ideologie erfolgreich, in denen etwa Dürer als "deutscher Mensch" gefeiert wird. (62) Dass sie in das Profil deutscher Verlage passen, die neben kunsthistorischen auch chauvinistische und antisemitische Schriften veröffentlichten, weist Franziska Lampe nach. Dies gilt im Besonderen für den Bruckmann Verlag, der kunsthistorische Populärliteratur mit nationalsozialistischer Propaganda verband. Auf Bruckmann kommt auch Anja Grebe in ihrem Aufsatz über Kunstkalender zu sprechen, denn diese verdeutlichen, dass das Verlagshaus auch nach 1945 am völkischen Konstrukt einer deutschen Kunst festhielt. Ebenfalls am Beispiel von Kalendern zeigt Hana Buddeus wiederum, dass sich die nationalisierende Funktion von kunsthistorischen Publikationen im tschechischen anders als im deutschen Handel gestaltete. Nachdem die Kalender des Verlags Družstevní práce darauf gezielt hatten, zum modernistischen Geschmack zu erziehen, dienten sie erst unter der Bedrohung durch Deutschland in den 1930ern und 1940ern dazu, einen tschechischen Kanon hochzuhalten. In ihrem Beitrag über Drucke von Blumenstillleben zeigt Mirja Beck, dass auch diese im Kaiserreich nicht ohne nationalistische Agenda als "Alltagsschmuck" und "Gelegenheitsgeschenk" vertrieben wurden. (135) Damals hat etwa Alfred Lichtwark den Gedanken verbreitet, die deutsche Bevölkerung sollte durch das Blumenstudium nicht nur ihren Geschmack verbessern, sondern auch ihre Arbeitskraft erhöhen.
Neben der Nationalisierung behandelt der Sammelband die Popularisierung des Kanons als Effekt der Produkte, die auf Kunstgeschichte verweisen und als Geschenke eingesetzt werden sollen. In seiner Analyse solcher Objekte im Angebot von Museumsshops legt Andreas Zeising dar, dass sie dem Museumspublikum ermöglichen, die Unbegreiflichkeit, die es an den Museumsexponaten erfahren haben mag, mit einer Aneignung auszugleichen. Die Konsumierbarkeit von Kunst erleichtern übersichtliche, etwa auf Tassen gedruckte Collagen, welche ohnehin schon berühmte Werke und Erzählungen der Kunstgeschichte eindampfen und bestätigen. Ein Gegenstand, der im 19. Jahrhundert weniger das Wissen über als die Praxis von Kunst popularisieren sollte, ist der Malkasten, dessen Geschenkkarriere Matthias Krüger erforscht hat. Was zu dieser beigetragen hat, sind Künstleranekdoten, in denen die Gabe des Malkastens die Berufung zum Maler symbolisiert. Dass die Geschenkwaren mit Kunstthematik nicht nur, wie der von Imorde zitierte Ferdinand Avenarius schon 1895 befürchtete, Distinktion und Diplomatie, sondern auch der Verbreitung von Wissen dienen konnten, ist eine Pointe am Ende des Sammelbands. Diese setzt Leah Waleschkowskis Text über die Sammlung von Postkarten, die am Kunsthistorischen Institut der Universität Köln vermutlich in Ermangelung anderer Mittel während der Nachkriegszeit zur Forschung und Lehre gebraucht wurden.
Insgesamt beantwortet der Sammelband vor allem die Frage, welche Geschenkartikel unter welchen Umständen Kunstkanones popularisiert und nationalisiert haben. Die Frage, warum sich gerade kunsthistorische Medien in der deutschen Gesellschaft zum Geschenkzweck geeignet haben, wird kaum eingehender behandelt. Hin und wieder wird auf die Theorie des Bürgertums verwiesen, das durch Bildungssymbole Überlegenheit in bzw. Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft vorzugeben oder vorzuführen suchte. Interessant ist Fitzners Gedanke, mit dem Schenken übten Bürgerliche "eine Art von Mäzenatentum" (63) aus, um dem Künstlergenie zumindest indirekt habhaft zu werden. Der Hauptverdienst des Buchs ist allerdings weniger, die Sozialgeschichte des Schenkens als die Kulturgeschichte des Geschenkartikels zu erweitern. Deren theoretischer Rahmen ist nicht ganz neu. Dass populärwissenschaftliche Literatur zur Kunstgeschichte die Formierung nationaler Kanones vorangetrieben hat, ist etwa in der Monografie von Friederike Kitschen [1] und, bezogen auf den italienischen Markt, im Sammelband von Massimo Ferretti [2] nachzulesen. Der Gewinn, den Kunstgeschichte als Geschenk vor diesem Hintergrund bietet, liegt in der Orientierung des Themas hin zur Soziologie, v.a. aber in der Verbreiterung des Gegenstandsspektrums: Meistverkaufte Bücher erscheinen hier an der Seite von Postkarten, Malkästen oder Motivtassen als Teil einer diverse Käufer*innen ansprechenden Produktpalette. Ein Blumenstrauß also, der nicht nur Wohnzimmer verschönert, sondern den Zusammenhang von bürgerlicher Kultur, populären Medien und kunsthistorischen Kanones erhellt.
Anmerkungen:
[1] Friederike Kitschen: Als Kunstgeschichte populär wurde. Illustrierte Kunstbuchserien 1860-1960 und der Kanon der westlichen Kunst, Berlin 2021.
[2] Massimo Ferretti (a cura di): Il libro d'arte in Italia (1935-1965), Pisa 2021.
Joseph Imorde / Mirja Beck / Franziska Lampe (Hgg.): Kunstgeschichte als Geschenk, Marburg: Jonas Verlag 2026, 208 S., zahlreiche Farbabb., ISBN 978-3-69069-005-8, EUR 59,00
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