Eleni Tounta: The Travels of Cristoforo Buondelmonti and Ciriaco d'Ancona in the Aegean Sea. Humanism, Early Colonial Politics and Agency (= Studies in Medieval History and Culture), London / New York: Routledge 2024, XV + 221 S., 7 s/w-Abb., ISBN 978-1-032-50234-2, GBP 104,00
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Eleni Tountas Untersuchung unternimmt mit textkritischem Impetus den Versuch, die Reisen Cristoforo Buondelmontis (1386-1430) und Ciriacos d'Ancona (1391-1455?) im griechischen Archipel einer innovativen kulturwissenschaftlichen und sozialgeschichtlichen Analyse zu unterziehen. [1] Die Arbeit ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Der einleitenden Sektion (1-23), in der das methodische Vorgehen dargelegt wird, folgt das erste Kapitel zu den griechischen Ländern in der Vorstellungswelt der italienischen Humanisten (24-60). Dieses Kapitel konzentriert sich auf Francesco Petrarca, Coluccio Salutati, Niccolò Niccoli, Manuel Chrysoloras, Demetrios Kydones, Giovanni Aurispa und Francesco Filelfo und leitet zum Hauptkorpus der Studie über, der den beiden unbestrittenen Protagonisten der frühneuzeitlichen Griechenlandrezeption gewidmet ist: Cristoforo Buondelmonti und Ciriaco d'Ancona. Kapitel 2 analysiert Buondelmontis kretischen Traktat Descriptio insulae Cretae (61-104), während Kapitel 3 den Fokus auf seine geographische Gesamterfassung der Inselwelt des griechischen Archipels im Liber Insularum Archipelagi legt (105-146). Das vierte Kapitel ist schließlich Ciriaco d'Ancona und seinem Umgang mit der antiken griechischen Kultur sowie seinen Begegnungen mit der byzantinischen und osmanischen Andersartigkeit vorbehalten (147-186). In der Schlussbetrachtung werden die postulierten Ergebnisse knapp zusammengefasst (187-198). Hier wird die leitende Fragestellung und zentrale These der Untersuchung erneut formuliert: "The main question which this book posed was how humanist spatial discourses and practices produced colonial geographies and identities, constructing hierarchical power relations between colonists and colonized peoples, which reinforced the former's dominion" (187). In Anlehnung an Henri Lefebvres Unterscheidung zwischen 'erlebtem' und 'repräsentiertem' Raum [2] sowie an Edward Saids Konzept der 'imaginierten Geographien' [3] greift Tounta auf ein breites Spektrum kultur- und postkolonialtheoretischer Ansätze zurück, die bereits programmatisch im Untertitel der Studie ausgewiesen sind, darunter Kolonialismustheorien (early colonial politics) [4], Handlungsmacht (agency) und Andersartigkeit/Alterität (otherness). Dieses methodische Instrumentarium durchzieht die gesamte Studie und prägt deren Sprache über die volle Länge. Auf dieser Grundlage kommt Tounta zu dem Ergebnis, dass die Aktivitäten Buondelmontis und Ciriacos im östlichen Mittelmeerraum koloniale Interessen frühneuzeitlicher humanistischer Eliten bedienten, die ihrerseits eine auf Romanitas rekurrierende kulturelle Selbstverortung propagierten und vor dem Hintergrund zeitgenössischer religionspolitischer Agenden eine dezidiert antibyzantinische sowie ambivalente Haltung gegenüber den Osmanen entwickelten. Unter Verwendung einer Rhetorik der Dekadenz, die das Lamento über eine irreversibel verlorene antike Glorie ausdrückt, wird in den vorgenommenen Textanalysen dieser Verlust den Errungenschaften und der kulturellen Überlegenheit der aufstrebenden Kolonialmächte gegenübergestellt. Buondelmonti und Ciriaco werden dabei von der Autorin quasi zu 'kolonialen Subjekten' stilisiert. In Tountas Ausführungen dienen dementsprechend Lefebvres Kategorien dazu, die antiquarisch geprägten Reiseberichte Ciriacos und die geographisch-ethnographischen Texte Buondelmontis als repräsentierte Räume zu analysieren, die dafür bestimmt waren, in Wechselwirkung mit den erlebten Räumen der Reisenden koloniale Raumordnungen, Ansprüche und Hierarchien hervorzubringen bzw. zu festigen. Tountas mutiger, diskurstheoretisch durchaus fundierter Perspektivwechsel liegt in der bewussten Neuausrichtung der Fragestellung: Nicht die Karten Buondelmontis oder die Zeichnungen Ciriacos werden primär als epistemologische Werkzeuge analysiert, sondern der Umgang der beiden Humanisten mit den von ihnen 'erlebten' Kulturen im östlichen Mittelmeerraum, verstanden im Rahmen der humanistischen Tradition und ihrer diskursiven Praktiken.
Das bewusste Ausklammern bildlicher Evidenz - insbesondere von Zeichnungen und Inselkarten (vgl. 118 und Anm. 89) - rechtfertigt die Autorin mit Problemen der Textüberlieferung und -korruption, ein Argument, das jedoch gleichermaßen auf die analysierten Texte selbst zutrifft. [5] Damit wird der epistemologische Erkenntniswert dieser visuellen Materialien ausgeblendet, obwohl er über das Verständnis humanistischer Wissenspraktiken hinaus auch für die Prüfung der verfolgten Fragestellung von zentraler Bedeutung wäre. Um nur ein besonders bezeichnendes Beispiel zu nennen: Tounta verneint bei Buondelmonti und Ciriaco jede Form von Graecophilie, die ihrer These widersprechen würde. So wird etwa Ciriacos Rezeption des Parthenon und der Propyläen im Rahmen ihrer Argumentation als Glorifizierung des Florentiner Herrschergeschlechts von Athen im 15. Jahrhundert, der Acciaioli, gedeutet, verbunden mit der Betonung der historischen Überlegenheit der römischen über die griechische Kultur im Dienste der Legitimation lateinischer Herrschaft (161). Zwar ist es zutreffend, dass Ciriaco ein ausgeprägtes Bewusstsein für 'nationalen Stolz' und kulturelle Zugehörigkeit besaß; gleichzeitig aber zeigt sich in seinen Reiseaufzeichnungen und -notizen eine klare Anerkennung der Eigenständigkeit der griechischen Antike, die sich besonders in der expliziten Nicht-Romanisierung der Parthenonfassade in der im Berliner Codex Hamilton 254 (fol. 85r) aufbewahrten Zeichnung im Vergleich etwa zu Giuliano da Sangallos Kopie im Codex Barberini (Vat. Lat. 4424, fol. 28v) eindrucksvoll manifestiert. Diese Anerkennung des Eigengesetzlichkeitsanspruchs der griechischen Antike durchzieht sämtliche Facetten von Ciriacos Umgang und seiner Begegnungen mit der antiken griechischen Zivilisation. Entsprechend lassen sich die von Tounta mehrfach thematisierten, lobpreisenden Inschriften Ciriacos in antiker Manier an lokale Regenten (162-164, 192) eher primär als humanistische Gesten der Anerkennung und Dankbarkeit im Kontext der florierenden antiquarischen Studien der Zeit denn als Ausdruck tiefergehender politischer Intentionen oder kolonialer Deutungsmuster verstehen. Hinzu kommt, dass die Studie die Rolle der Rhetorik im humanistischen Schreiben unterschätzt bzw. herunterspielt. Wie bereits Michael Baxandall gezeigt hat, sind Wertungen, Überzeichnungen und moralische Polarisierungen vielfach als rhetorische Gesten und konventionalisierte Topoi zu verstehen und nicht zwingend als Ausdruck konkreter politischer Programme. Die bei Tounta stark polarisierende Sprache - etwa die Gegenüberstellung von "noble Venetians" und "savage Cretans" (vgl. etwa 81) - erzeugt in der vorgetragenen dogmatischen Schärfe ein verzerrtes Bild, das der Vielschichtigkeit humanistischer Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen nicht immer gerecht wird. In Tountas Analyse bleibt kaum Raum für einen vergleichsweise unbefangenen oder neugierigen Blick des Reisenden auf den 'Anderen'; stattdessen erscheint jede Beobachtung durch eine strikt ideologisch gefilterte Perspektive determiniert. Auch der Umgang mit dem Konzept der Romanitas wirft Fragen auf. Neuere Forschungen betonen zunehmend die Bedeutung lokaler Antiken und lokaler Identitäten, [6] was die Annahme einer übergreifenden politischen Agenda, die mittels Romanitas italienische Kolonialinteressen untermauern sollte, zumindest relativiert.
Grundsätzlich problematisch bleibt schließlich - und damit gekoppelt - die implizite Annahme eines kollektiven Zusammenhalts im Italien des 15. Jahrhunderts. Die politischen Realitäten waren von Rivalitäten zwischen Stadtstaaten geprägt, sodass der Rückgriff der beiden wichtigsten Akteure - Venedig und Genua - auf Romanitas hinterfragt werden kann. Besonders im Falle Buondelmontis stellt sich die Frage nach der Plausibilität einer solchen Deutung: Warum sollte ein Florentiner Humanist mit seinem Traktat gezielt als 'Agent' zur Legitimierung 'kolonialer Strategien Venedigs' fungiert haben (69-70), zumal die zeitgenössischen innenitalienischen Spannungen und Rivalitäten zwischen Florenz und Venedig (vgl. 103, Anm. 163) gegen eine derart pauschale Instrumentalisierung sprechen? Die wohlwollende Darstellung der Venezianer auf Kreta durch Buondelmonti könnte ebenso durch rhetorisch-stilistische Überlegungen oder pragmatische Motive bedingt sein. Die in der Studie konsequent durchgezogene Zuschreibung einer linearen Entwicklung von Petrarca über Chrysoloras zu Buondelmonti und Ciriaco wirkt daher zu schematisch und teleologisch. Die vielfältigen wissenschaftlichen Diskurse um griechisch-byzantinische Kontinuitäten versus römische Abstammungsnarrative nimmt zwar Tounta punktuell ins Visier, [7] verwendet sie jedoch primär, um ihre These zu stützen, dass die Westeuropäer die Byzantiner bewusst vom römischen Erbe abzuschneiden versuchten (vgl. 34, 54 und Anm. 58-59). Humanistische Griechenbilder dienen jedoch - das hat differenzierte Forschung deutlich gemacht - nicht zwangsläufig der Legitimation politischer Herrschaft, sondern sie erfüllen oft bildungsrhetorische, antiquarische und ästhetische Funktionen. Insgesamt zeigt Tountas sprachlich sorgfältig ausgearbeitete und gründlich recherchierte Untersuchung eindrücklich, dass eine veränderte Fragestellung und Perspektive auch bei intensiv erforschten Texten und Themen neue Einsichten ermöglichen kann. Gleichzeitig macht sie jedoch deutlich, wie problematisch es ist, eine umfassende, a priori gesetzte These - hier die koloniale Instrumentalisierung humanistischer Raum- und Kulturrepräsentationen - auf heterogene Akteure und Texte zu übertragen, ohne deren rhetorische, epistemologische und historische Eigenlogiken ausreichend zu differenzieren.
Anmerkungen:
[1] Die ungebrochene Aufmerksamkeit der Forschung für die beiden Pioniere der frühneuzeitlichen Erkundung der griechischen Länder unterstreicht ihre anhaltende Relevanz. Ich verweise auf die jüngst organisierten Symposien zu Buondelmonti (Paving the way to the rediscovery of Greece: Cristoforo Buondelmonti and other travellers (15th-19th century). New approaches and methods, Venedig 12-13.10.2023, organisiert von Benedetta Bessi) und Ciriaco (Renovatio. Ciriaco d'Ancona e l'antico, Tivoli, 9-10.1.2025, organisiert von Andrea Bruciati).
[2] Henri Lefebvre: La production de l'espace, Paris 1974.
[3] Edward W. Said: Orientalism, New York 1978.
[4] Tounta nimmt in diesem Zusammenhang ausdrücklich Bezug auf Jürgen Osterhammel (6, 195) und überträgt bzw. rückprojiziert dessen theoretisches Kolonialismuskonzept auf das Phänomen der Expansion westlicher Akteure in die griechischen Länder und den ägäischen Raum nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1204. Osterhammel selbst zeigt sich gegenüber einer derart frühen Anwendung des Kolonialismusbegriffs jedoch zurückhaltend (vgl. Jürgen Osterhammel / Jan C. Jansen: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995, 35) und setzt den Beginn seines Periodisierungsschemas erst um 1520 mit dem Aufbau des spanischen Kolonialsystems an.
[5] In dieser Hinsicht sind die unter Berücksichtigung der komplexen Handschriftentradition angekündigten Studien von Alessio Luca Bartelloni zur Descriptio insulae Cretae und von Beatrice Blümer zum Liber Insularum Archipelagi mit Spannung zu erwarten.
[6] Kathleen Christian / Bianca De Divitis (eds.): Local antiquities, local identities: Art, literature and antiquarianism in Europe c. 1400-1700, Manchester 2019.
[7] Han Lamers: Greece reinvented. Transformations of Byzantine Hellenism in Renaissance Italy, Leiden / Boston 2018. Vgl. aber auch Peter Bell: Getrennte Brüder und antike Ahnen. Repräsentationen der Griechen in der italienischen Kunst zur Zeit der Kirchenunion 1438-1472 (Dissertation), Marburg 2015.
Michail Chatzidakis