Rezension über:

Helene Roth: Urban Eyes. Deutschsprachige Fotograf*innen im New Yorker Exil in den 1930er- und 1940er- Jahren (= Visual History: Bilder und Bildpraxen in der Geschichte; Bd. 12), Göttingen: Wallstein 2024, 494 S., 234 z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8353-5655-9, EUR 48,00
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Rezension von:
Judith Riemer
School of History, University College Cork, Cork
Redaktionelle Betreuung:
Anna K. Grasskamp
Empfohlene Zitierweise:
Judith Riemer: Rezension von: Helene Roth: Urban Eyes. Deutschsprachige Fotograf*innen im New Yorker Exil in den 1930er- und 1940er- Jahren, Göttingen: Wallstein 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/40884.html


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Helene Roth: Urban Eyes

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Für den Großteil der rund 100.000 deutschsprachigen Personen, die nach 1933 vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohen waren, war New York die 'Ankunftsstadt' (im Sinne von Doug Saunders arrival city) ihrer Exilzeit in den Vereinigten Staaten. Nicht alle blieben, doch für viele großstädtisch geprägte jüdische Intellektuelle und Künstler:innen bot die von jüdischer Kultur geprägte Metropole eine vertraut urbane Atmosphäre. Helene Roth widmet sich in ihrer mehrfach preisgekrönten Dissertation den Fotografinnen und Fotografen unter den Exilantinnen und Exilanten und deren fotografischen Praktiken und Strategien. [1] In acht Kapiteln werden diverse Aspekte des urbanen Exils, wie es deutschsprachige Fotograf:innen in den 1930er und 1940er Jahren erlebten, aufgefächert. Dabei untersucht die Autorin nicht nur die fotografischen Praktiken rund um Transit, Ankunft und Stadterkundung, sondern auch ökonomische Aspekte, Kulturtransfer und -austausch sowie Netzwerke.

Auf Grundlage von Fotografien und Nachlässen von 36 emigrierten Fotograf:innen geht Roth der zentralen Frage nach den Funktionen der Fotografie für die Emigrierten nach. Die Autorin untersucht die Fotografie als transitorisches Erinnerungsmedium (Kapitel 3), als Medium urbaner Praktiken (Kapitel 4), als narratives Medium (Kapitel 5), existenzsicherndes Medium (Kapitel 6), Medium des Kulturtransfers (Kapitel 7) und in Bezug auf postmigrantische und queere Praktiken und Kontaktzonen (Kapitel 8) auf Basis einer breit angelegten methodischen Fundierung. Dabei werden Kunst- und Fotogeschichte aus einer transnationalen Perspektive mit Methoden der Geschichtswissenschaft, Stadtsoziologie und Exilforschung verbunden.

Das Buch widmet sich fotografischen Medien wie Magazinen, Fotobüchern und Fotoalben sowie Ökonomien, Institutionen, Orten und Netzwerken und schafft es dadurch, ein umfassendes Bild der Fotografie im Exil als Orientierungs- und Überlebensstrategie aufzuzeigen. Die heterogenen biografischen und sozioökonomischen Hintergründe der Emigrierten werden berücksichtigt und vielfach sogar zum Ausgangspunkt der Analyse. Es wird klar, dass die Fotografie nicht nur ein finanzielles Auskommen ermöglichte, sondern auch die Gelegenheit bot, sich vielschichtig mit dem Exil als Ort, Alltag und Lebensphase auseinanderzusetzen.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Fotografie als Erinnerungsmedium des Transits - von Abschied und Aufbruch bis zur Ankunft. Die Autorin zeigt ihre Funktion als "Gedächtnismedium" (64), das ambivalente Übergangsmomente festhielt, auf. Kapitel 4 widmet sich der Stadterkundung durch Flanieren, Gehen und Fahren als künstlerisch-visueller Praxis, in der Beobachtung, Teilhabe und Selbstverortung zusammenkamen. Kapitel 5 untersucht intermediale Fotobücher, Alben und Scrapbooks, in denen die Auseinandersetzung mit der Stadt fortgeführt wurde. Während Exilverlage Möglichkeiten der Selbstvermarktung boten, dienten private, unpublizierte Formate der Archivierung, dem Experiment und der visuellen Selbstbeschreibung.

Kapitel 6 und 7 thematisieren die Ökonomien des Exils in New York, von Dienstleistungen für Agenturen, Galerien und Medien bis hin zu Lehr- und Autorinnentätigkeiten. Unter Rückgriff auf Donna J. Haraways Konzept des 'situierten Wissens' zeigt die Autorin auf, wie fotografische Praktiken aus heterogenen Erfahrungen vor und während des Exils hervorgingen. Kapitel 8 analysiert abschließend zentrale Kontaktzonen des Exils von Ellis Island über deutschsprachige Netzwerke bis hin zu privaten Räumen, die ein rhizomatisches Geflecht transnationalen Austauschs bildeten, in dem sich postmigrantische und queere fotografische Praktiken entwickeln konnten.

Die Publikation schließt an zahlreiche biografisch orientierte und überblicksartige Forschungen an, geht jedoch einen Schritt weiter, indem sie das fotografische Schaffen der Emigrierten erstmals vergleichend und kontextualisierend analysiert. Damit bildet sie ein Bindeglied zwischen Überblicksstudien wie Und sie haben Deutschland verlassen ... müssen. Fotografen und ihre Bilder 1928-1997 von Klaus Honnef und Frank Weyers (1997) und biografisch ausgerichteten Publikationen zu einzelnen Fotograf:innen wie beispielsweise Fred Stein [2] oder Lisette Model. [3] Zugleich schlägt sie eine Brücke zu neueren, netzwerkorientierten Forschungen zu Fotoagenturen, etwa Nadya Bairs The Decisive Network (2020) zu Magnum [4] oder Phoebe Kornfelds Passionate Publishers. The Founders of the Black Star Photo Agency (2021).

Der Arbeit ist ihre Entstehung im Rahmen des vom European Research Council geförderten Projekts Relocating Modernism. Global Metropolises, Modern Art and Exile (METROMOD) deutlich anzumerken. Nicht nur ist die Methode des Mappings in mehreren Kapiteln gewinnbringend eingesetzt; darüber hinaus stellt die Verortung der behandelten Fotograf:innen, Institutionen und Orte auf einem digitalen Stadtplan New Yorks im METROMOD Archive einen zusätzlichen eigenständigen Forschungsbeitrag dar. [5]

Hervorzuheben ist zudem der intermediale Ansatz der Autorin, die für ihre Analysen auf eine Vielzahl (fotografischer) Medien zurückgreift. Der reich bebilderte Band versammelt neben den Fotografien auch Kontaktabzüge, Scrapbooks, Fotoalben, Fotobücher, Notizen, Karten, illustrierte Magazine, Dokumente, Postkarten, Visitenkarten, Werbeanzeigen und Ausstellungsflyer und schöpft damit sichtbar aus dem Reichtum der äußerst umfangreichen Archivrecherchen. Ergänzt wird dies durch eigene Aufnahmen der Autorin aus ihren stadtsoziologischen Erkundungen New Yorks.

Aus nahezu jedem Kapitel hätte sich eine eigenständige Dissertation entwickeln lassen. Der besondere Verdienst der Autorin liegt jedoch gerade darin, diese Vielzahl unterschiedlicher Aspekte zusammenzuführen und so einen facettenreichen Blick auf die Emigrierten, ihre Erfahrungen im Exil und die Rolle der Fotografie zu eröffnen. Hervorzuheben ist zudem die konsequente Einbeziehung zahlreicher weniger bekannter oder bislang vergessener Fotograf:innen wie zum Beispiel Rudy Burckhardt, Elizabeth Coleman und Marion Palfi, deren sozialdokumentarische Aufnahmen spielender Kinder und Jugendlicher im Stadtraum auch den kritischen Blick der Emigrierten auf New York sichtbar machen. Mit den Fotografinnen Lilo Hess und Ylla richtet die Studie darüber hinaus den Blick auf Themenfelder, die in der Forschung bislang wenig Beachtung gefunden haben, etwa die Tierfotografie, die als erfolgreiches Geschäftsmodell analysiert wird. Die umfangreichen Archivfunde und die schiere Menge des gesichteten und ausgewerteten Materials zeugen von einer außerordentlichen Forschungsleistung. Das Buch ist mittlerweile auch in englischer Sprache erschienen. [6]


Anmerkungen:

[1] Die Dissertation erhielt die Goldmedaille des Deutschen Fotobuchpreises 2025/26 in der Kategorie Fototheorie sowie den Claus-Dieter Krohn Preis für Exilforschung 2024.

[2] Ausstellungskatalog "Report from Exile: Fotografien von Fred Stein", hrsg. von Raphael Gross / Ulrike Kuschel, Deutsches Historisches Museum, Berlin 2020; Ausstellungskatalog "Fred Stein. Paris - New York", hrsg. von Dawn Freer, Jüdisches Museum Berlin, Berlin 2013.

[3] Vgl. auch die aktuelle Ausstellung "Lisette Model. Retrospektive" in der Albertina Wien vom 30. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026.

[4] Das Projekt unterhält eine digitale Plattform, auf der die Forschungsergebnisse aufbereitet sind: https://thedecisivenetwork.com

[5] https://archive.metromod.net/

[6] Helene Roth: Urban Eyes. German-speaking Émigré Photographers in New York in the 1930s and 1940s. Leuven University Press 2025.

Judith Riemer