Rezension über:

Andrea Brill: Émilie du Châtelet. Mathematikerin, Naturphilosophin und Gefährtin Voltaires, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2025, 250 S., 14 Farb.Abb., ISBN 978-3-412-53361-8, EUR 39,00
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Rezension von:
Aline Vogt
Postdoc.Mobility Stipendiatin
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Aline Vogt: Rezension von: Andrea Brill: Émilie du Châtelet. Mathematikerin, Naturphilosophin und Gefährtin Voltaires, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 3 [15.03.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/03/40821.html


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Andrea Brill: Émilie du Châtelet

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Die Naturphilosophin Émilie du Châtelet ist schon längst keine Unbekannte der Aufklärungsforschung mehr. Dennoch erleichtern die zuletzt erschienenen Editionen ihrer Schriften sowie die Forschung zu ihr als eigenständiger Persönlichkeit, die nicht nur in Abhängigkeit von Voltaire gesehen wird, zunehmend die Rezeption. Die Biographie, die Andrea Brill vorlegt, fördert nicht unbedingt neue Erkenntnisse, methodische Herangehensweisen oder Interpretationen zutage, trägt aber kompakt Quellen und Sekundärliteratur zusammen, die dem deutschsprachigen Publikum einen Einstieg in du Châtelets Leben ermöglichen.

Andrea Brill beschreibt zunächst detailliert die gehobenen ständischen Hintergründe, vor denen Émilie du Châtelet in Paris aufwuchs. Brill erzählt vom Unterricht du Châtelets ab dem Alter von vier oder fünf Jahren, von der umfangreichen Bibliothek und den Kontakten der Eltern, die der Tochter den Einstieg in die Gelehrtenwelt erleichterten. Émilie setzte ihre Studien auch während ihrer Ehe mit Florent-Claude Marquis du Châtelet-Lomont, einem Kommandeur aus dem Schwertadel, fort. Im April 1733 traf du Châtelet in der Oper auf Voltaire, den sie bereits als Kind im Haus ihres Vaters kennengelernt haben dürfte. Mit Hilfe von Sekundärliteratur und der edierten Korrespondenz von du Châtelet und Voltaire zeichnet Brill die Liebesbeziehung der beiden nach. Ausführlich beschrieben wird zudem das gemeinsame Leben in Schloss Cirey, in dem du Châtelet und Voltaire nach der Zensur von Voltaires Lettres anglaises 1734 Zuflucht suchten. Um die Verwaltung und Instandhaltung des Guts, die Garderobe des Paars oder den täglichen Menüplan nachvollziehen zu können, greift die Autorin neben Briefen auch auf andere Quellengattungen wie Rechnungen und Quittungen zurück. Immer wieder stehen aber vor allem die Beziehungen von du Châtelet im Vordergrund. Im Zentrum steht Voltaire, du Châtelet unterhielt aber auch zahlreiche weitere freundschaftliche oder Liebesbeziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten, etwa zu Pierre Louis Moreau de Maupertuis, der sie in Mathematik unterrichtete.

Aus meiner Sicht interessanter sind allerdings die wissenschaftlichen Studien und Übersetzungsarbeiten von du Châtelet, denen Brill je ein Kapitel widmet. Bei ihren Übersetzungen nahm du Châtelet so umfassende Änderungen und Ergänzungen vor, dass sie auch als Publikationen von Interpretationen und eigenen Gedankengänge der Übersetzerin betrachtet werden können. So nutzte sie die Übersetzung von Bernard Mandevilles The Fable of the Bees, um sich mit der Bildung von Frauen und den Hindernissen zu beschäftigen, die dieser im Wege standen. Auch die Übersetzung von Isaacs Newtons Principia, für die du Châtelet vor allem bekannt sein dürfte, versah sie mit einem langen Kommentar, in dem die theoretischen Voraussetzungen erklärt werden, auf denen Newtons Thesen beruhten.

Du Châtelets eigene Studie zu den Eigenschaften des Feuers ist hingegen nicht nur aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive interessant, sie könnte die heutige Forschung auch zu umwelt- oder materialitätsgeschichtlichen Fragestellungen anregen. Daneben beschäftigte sich du Châtelet vor allem mit Newton und Leibniz. In ihren Institutions de physique versuchte die Naturphilosophin unterschiedliche Ansätze von Naturwissenschaft und Metaphysik in Einklang zu bringen. Sie warf aber auch methodische Fragen auf, etwa diejenige nach der Bedeutung von Hypothesen für die Wissenschaft. Einen anderen Aspekt von du Châtelets Denken spiegeln die Examens de la bible, in denen sie die Bibel mit Hilfe naturwissenschaftlicher Kenntnisse hinterfragte. Andrea Brill ordnet diese Publikation in die aufklärerische Religionskritik von du Châtelets Zeitgenossen ein, es wäre aber durchaus auch zu fragen, welche christlichen und naturwissenschaftlichen Elemente nach wie vor miteinander in Einklang gebracht werden konnten und inwiefern sich bei du Châtelet auch Aspekte dieser Sicht finden lassen. Aus emotionsgeschichtlicher Perspektive aufschlussreich ist schliesslich du Châtelets Discours sur le bonheur, in dem sich die Philosophin mit Glück beschäftigt. Dabei fragt sie unter anderem danach, inwiefern dieses durch die Abhängigkeit oder aber die Unabhängigkeit von Beziehungen beeinflusst werden könne, eine Frage, die durchaus auch Bezüge zur Lebenswelt der Autorin aufweist.

Andrea Brill beschreibt du Châtelets Leben und Gedankengänge in kurzweiliger und gut verständlicher Sprache, was insbesondere für Leser*innen attraktiv ist, die sich nicht bereits mit den inneraufklärerischen Debatten über Newton und Leibniz auskennen, sich dem Denken der Naturphilosophin aber dennoch annähern möchten. Auf wissenschaftlicher Ebene wäre das Buch sicherlich noch ausbaufähig. In der Einleitung spricht die Autorin beispielsweise von der "Scientific Revolution" (10), also einem Narrativ, das in der Forschung mittlerweile als überholt gilt. Weitet man den Blick über die Wissenschaft der Aufklärung hinaus aus, so ist du Châtelet, so bemerkenswert ihre Leistung auch ist, zudem nicht die "erste und einzige Frau, die sich in der von Männern dominierten Welt der Wissenschaft behauptete". (11) Frauen wie Hypatia oder Hildegard von Bingen hätten gegen eine solche Darstellung sicherlich etwas einzuwenden. Auch wenn du Châtelets Publikationstätigkeit im historischen Kontext durchaus als aussergewöhnlich betrachtet werden kann, ist die wiederholte Betonung ihrer Fähigkeiten zudem nicht unbedingt zielführend, reproduziert sie doch eher die Verwunderung von du Châtelets männlichen Zeitgenossen ob des Umstandes, dass eine Frau überhaupt zu wissenschaftlichem Denken in der Lage sei. Schliesslich unterlaufen der Autorin ab und an generalisierende Annahmen über das 18. Jahrhundert, ohne dass diese konkret belegt würden. Dies gilt etwa für die These, dass die "Polygamie des Mannes" "als "natürlich und notwendig aufgefasst" worden sei. (12) Auch einige Werturteile der Autorin liessen sich hinterfragen, etwa der etwas allzu schnell gezogene Schluss, dass Madame du Deffands wenig schmeichelhaftes Porträt von Émilie du Châtelet "eindeutig" vom "Neid einer weiblichen Konkurrentin" geprägt gewesen sei. (35)

Dennoch bietet Andrea Brills Buch einen gut verständlichen Einstieg für alle, die sich eingehender mit Émilie du Châtelet beschäftigen wollen. Brill versteht es, das Leben der Oberschicht im 18. Jahrhundert äusserst anschaulich zu beschreiben, von den Essgewohnheiten über die Schattenseiten des höfischen Lebens bis zu den geregelten Tagesabläufen des Philosophenpaars. Für ein Eintauchen in die Welt du Châtelets und ihrer Zeitgenoss*innen ist das Buch also durchaus empfehlenswert.

Aline Vogt