Christopher Metcalf: Three Myths of Kingship in Early Greece and the Ancient Near East. The Servant, the Lover, and the Fool, Cambridge: Cambridge University Press 2025, 293 S., ISBN 978-1-009-48149-6, EUR 112,39
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Der Titel des Buches spricht eine klare Sprache. Es geht um drei Mythen, die sich um das Königtum in zwei historischen Regionen drehen, im frühen Griechenland und antiken Nahen Osten. Die Mythen werden ebenso eindeutig benannt: der Diener, der Liebhaber und der Narr. Doch was so eindeutig klingt, ist es dann doch nicht. Das liegt hauptsächlich daran, dass mit Begriffen gearbeitet werden muss, die erst der Definition bedürfen. Diese wird für einige explizit gegeben, wird für andere auf Prämissen gleichsam ausgelagert, die als evident angesehen werden. Eine Definition gibt Metcalf für König und Mythos. Als Mythos wird "a coherent sequence of actions" bezeichnet, die "story patterns" darstellen. Als Konsequenz davon ist der Mythos mit "story patterns" austauschbar. Ein Mythos enthält zudem "both divine and clearly defined human characters". Ein Text ist dagegen nur ein Medium, "a partial reflection of a myth".(4) Auf die sich aus dieser Abgrenzung von Text und Mythos ergebende Frage nach der Herkunft des Mythos wird hier keine Antwort gegeben. Der Grund dafür ergibt sich erst indirekt aus der Beschäftigung mit dem, was unter griechischem Mythos verstanden wird. Die Definition von König fällt im Vergleich dazu einfach aus. Ein König nimmt die höchste Position in der Hierarchie ein und hat eine enge, ihn legitimierende Beziehung zu den Göttern. Das gilt unabhängig davon, ob es sich nur um eine lokal bedeutsame Figur handelt oder um einen Herrscher in einem Imperium, ob real oder fiktional. Alle diese Figuren waren Gegenstand "of certain recurring mythical story-patterns". Unter den gleich hier genannten Namen befinden sich Sargon von Akkad, Sulgi von Ur, David "of Israel and Judah" ebenso wie "Agamemnon of Mycenae and Hector of Troy".(5)Mit diesen aus historischer Perspektive sehr unterschiedlichen 'Königen' beschäftigt sich Metcalf in den auf die Einleitung folgenden drei Kapiteln.
Das erste Kapitel ist dem "Myth of the Servant" gewidmet. Der diesem Mythos zugeschriebene Zweck liegt in der Erklärung für einen König, der nicht aus der bisherigen königlichen Linie, sondern "from nowhere" (13) stammt. Er macht zuerst Karriere am Palast, wird engster Vertrauter des Königs, um dann mit Hilfe der Götter auf den Thron zu gelangen und ein neues kraftvolles Königtum zu begründen. Dieser Mythos sei in seiner Vollständigkeit zum ersten und einzigen Mal von Sargon von Akkad erzählt worden. Alle weiteren Geschichten seien demgegenüber sekundär. Dafür nennt und behandelt der Autor neben noch weiteren An und Kumarbi, Kyros den Großen, Gyges, David und Semiramis. Diese Erkenntnis nimmt Metcalf gegenüber den bisherigen verschiedenen Analysen von Akzessionserzählungen für sich in Anspruch. Denn es gehe eben nicht einfach um das Muster "from rags to riches". Auch die Aussetzungsgeschichten wie die von Paris oder Ödipus seien ungeachtet ihrer Popularität nur ein Aspekt der genannten komplexeren Erzählung und von dieser abgeleitet.
Im Titel des zweiten Kapitels erscheint nicht wie vom Buchtitel her zu erwarten "The Lover", sondern "the Goddess and the Herdsman". Der Mythos setzt hier mit der sumerischen Erzählung von der "famous ancient Mesopotamian goddess Inana" (76) und dem Schafhirten Dumuzi im späten 3. Jahrtausend ein. Die glückliche Phase dieses ungleichen Liebespaares kommt dadurch zu einem Ende, dass Dumuzi die Göttin kränkt und dafür von ihr bestraft wird. Darüber ist Inana selbst unglücklich ebenso wie die weiblichen Verwandten von Dumuzi. Durch eine göttliche Intervention kommt die Beziehung aber wieder ins Lot. Metcalf nimmt nun für sich in Anspruch, eine vollständige Rekonstruktion der Erzählstruktur ("story-pattern") geben zu können, indem er alle Quellen, unter ihnen einige wichtige neue einbezieht. Dabei geht er davon aus, dass der Mythos nicht nur für das, wie er es nennt, mesopotamische Königtum, sondern darüber hinaus bis ins 1. Jahrtausend produktiv geblieben sei. Dafür war die Analogie zwischen Inana und Dumuzi und Inana und den sterblichen Königen entscheidend, weil ihnen "the same underlying story-pattern" (77) zugrunde liegt. Zur Begründung werden Texte aus dem 2. Jahrtausend über Inana und Dumuzi analysiert, dann solche über Inana und sterbliche Könige, die schon im 3. Jahrtausend einsetzten, jeweils unter drei Aspekten: "Courtship and Marriage, Transgression and Punishment, Lament and Conciliation". Der Blick führt dann über Mesopotamien hinaus nach Zypern, wo in Kinyras der menschliche Liebhaber für Aphrodite, die Transformation von Inana/Ištar, gesehen wird. Als Zeugnisse dafür werden nicht nur die Ilias und Pindar herangezogen, sondern neben anderen auch die Metamorphosen Ovids, wobei auch eine als evident bezeichnete Analogie zwischen Kinyras und Adonis als Liebhaber der Aphrodite und "their shared involvement in a myth of transgression, punishment, lament and conciliation" (151) und damit eine Ableitung vom sumerischen Mythos hergestellt wird. Über Theokrit (Idyll 1) und den homerischen Aphrodite-Hymnus wird eine ähnliche Argumentation auch für Anchises und Aphrodite aufgebaut, und die Transmissionslinie dafür über Zypern geführt.
Im dritten Kapitel "King, Priest and Poet" tritt die stark auf Assoziationen beruhende Art der Argumentation deutlich in den Vordergrund. Das gilt noch weniger von der Nachzeichnung der 'mesopotamischen' Erzählungen, in denen sich Könige als Narren erweisen, weil sie göttliche Warnungen nicht verstehen und deshalb ihre Herrschaft verlieren. Nicht nur in diesem Fall gesteht Metcalf zu, dass das Motiv gut bekannt und viel behandelt ist. Um den Übergang auch zum frühen Griechenland zu finden, wird die anfangs postulierte "sequence of actions" als Charakteristikum eines Mythos aufgegeben: "the story-pattern ... is not a large-scale myth comparable to those previously discussed". Der Mythos wird jetzt zu einem "recurring plot-device", das von den Autoren zur Gestaltung von "independent mythical themes" (173) benützt wurde. Damit ist die Brücke geschlagen, um in Ilias, Odyssee und Hesiods Epen eine intensive Nutzung von Spannungen zwischen "royal authorities" und "representatives of the divine" (188) auszumachen. Mit Bezug auf den viel diskutierten Musenanruf wird der Poet zum Seher und damit zum "divine intermediary" (191), der eine nicht beachtete Warnung an den König ausspricht. Auf dieser Gleichung beruht die Behauptung, dass in den Epen die "religious perspective" Priorität habe. Und weil das evident sei, wird die "recent tendency of Homeric scholarship to interpret the poem (scil. the Iliad) from political or social perspectives" (211) als fehlerhaft verworfen. Wesentlich sei, dass am Ende der Ilias "Priam's faith ... is restored" und dass Laertes am Ende der Odyssee "exclaims that he can now believe in the gods again".(189)
Die Vielfalt der Texte, mit der in dem Buch argumentiert wird, und die verzweigt-gelehrten Detailargumentationen können mit diesen Hinweisen nicht vorgeführt werden. Doch wohin der Anspruch des Buches führt, "for greater clarity and detail" (205) als bisher zu sorgen, dürfte dennoch erkennbar sein. An der Stelle einer konsequenten Kontextualisierung der Textentstehung und Textintention(en) steht die Überzeugung, dass der Mythos nicht nur in 'Mesopotamien', sondern auch in der griechischen Poetik in einem religiösen Untergrund wurzelt, weswegen auch nicht nach der konkreten Herkunft des Mythos und der Motivation für seine Transmission und Rezeption gefragt zu werden braucht.
Christoph Ulf