Enno Bünz / Sabine Zinsmeyer / Dirk Martin Mütze u.a. (Hgg.): Sächsisches Klosterbuch. Die mittelalterlichen Klöster, Stifte und Kommenden im Gebiet des Freistaates Sachsen (= Quellen und Materialien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde; Sonderband 1), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2025, 3 Bde., CLXXIX + 1836 S., zahlr. Farb-Abb., ISBN 978-3-86583-816-2, EUR 224,00
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Alison I. Beach / Isabelle Cochelin (eds.): The Cambridge History of Medieval Monasticism in the Latin West, Cambridge: Cambridge University Press 2020
Jerzy Kłoczowski: Klöster und Orden im mittelalterlichen Polen , Osnabrück: fibre Verlag 2013
Colmán Ó Clabaigh: The Friars in Ireland, 1224-1540, Dublin: Four Courts Press 2012
Steven Vanderputten: Monastic Reform as Process. Realities and Representations in Medieval Flanders, 900 - 1100 , Ithaca / London: Cornell University Press 2013
Richard Mortimer: Guide to the Muniments of Westminster Abbey, Woodbridge / Rochester, NY: Boydell & Brewer 2012
Simon Tugwell (ed.): Petri Ferrandi. Legenda Sancti Dominici, Rom: Angelicum University Press 2015
Étienne Fouilloux: Les Éditions dominicaines du Cerf. 1918-1965, Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2018
Enno Bünz (Hg.): Bücher, Drucker, Bibliotheken in Mitteldeutschland. Neue Forschungen zur Kommunikations- und Mediengeschichte um 1500, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2006
Hartmut Kühne / Enno Bünz / Thomas T. Müller (Hgg.): Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland. Katalog zur Ausstellung "Umsonst ist der Tod", Petersberg: Michael Imhof Verlag 2013
Enno Bünz / Werner Greiling / Uwe Schirmer (Hgg.): Thüringische Klöster und Stifte in vor-und frühreformatorischer Zeit, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017
Das Sächsische Klosterbuch beschreibt die 80 mittelalterlichen Klöster, Stifte und Kommenden auf dem Gebiet des heutigen Freistaats Sachsen. Sie künden von einer reichen Klosterlandschaft, die durch die reformatorischen Umwälzungen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Untergang verurteilt war. Das vorliegende Werk reiht sich ebenbürtig in eine Reihe bereits erschienener Handbücher ein, die den mittelalterlichen Klosterbestand in Hessen, Westfalen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg und zuletzt Baden erfassen und wissenschaftlich beschreiben.
Die am Leipziger Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde angesiedelten und von Enno Bünz als spiritus rector verantworteten Arbeiten am Sächsischen Klosterbuch begannen 2010 mit einer dreijährigen Projektförderung durch das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Nach dem Auslaufen der Förderung folgte eine etwas ruhigere Phase, in der das Projekt zwar niemals aus den Augen verloren, jedoch immer wieder durch andere, vermeintlich dringendere Forschungsvorhaben auf stand by geschaltet wurde. Als segensreich erwies sich (zumindest hier) die Corona-Epidemie, die ein intensives Arbeiten im Home-Office (ohne "auswärtige Verpflichtungen") ermöglichte. Und so viel sei vorweggenommen: Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Der alphabetisch nach Klosternamen gegliederte Handbuchteil wird durch drei umfangeiche Einführungen eingeleitet. Enno Bünz bietet zunächst einen rund 80 Seiten umfassenden Überblick über die mittelalterlichen Klöster, Stifte und Kommenden in Sachsen (XVII-XCVIII). Skizziert wird dabei nicht nur der historische Raum Sachsen vor dem Hintergrund seiner politischen und kirchlichen Verfasstheit, sondern auch die Vielfalt der einer Regel folgenden Gemeinschaften - von den Domkapiteln und Säkularkanonikern über die Benediktiner und Zisterzienser, die Ritter- und Hospitalorden bis hin zu den Bettelorden.
Jede dieser Institutionen war in größere Entwicklungslinien eingebettet, egal ob sie nun herrschaftlicher oder kirchlicher, gesellschaftlich-kultureller oder wirtschaftlicher Natur waren. Bünz beschreibt die Stellung dieser Institutionen, geht auf die soziale Zusammensetzung der Klöster und Konvente, auf die Geschlechterdiversität, auf Gründerpersonen und -gruppen, Klosterverlegungen und die Umwandlung von Klöstern, vor allem aber auf das gottesdienstliche Leben und die Seelsorge ein. Auch die spätmittelalterlichen Reformströmungen innerhalb des Ordenslebens, die wirtschaftliche Verfasstheit, Bildung, Schulen, Studium und Bibliotheken kommen zu ihrem Recht. Hier wird also mit sicherem Griff das synthetisiert, was sich in jedem einzelnen Artikel des Klosterbuchs mehr oder minder vollständig an Punkten erwähnt, beschrieben und analysiert findet. Am Ende des Mittelalters standen in Sachsen 59 Stiften, Klöstern und Kommenden, die mit Männern besetzt waren, nur 18 Frauenklöster gegenüber.
Die Haltung der Reformatoren zum Ordensleben war bemerkenswert klar, hätte aber ohne die Unterstützung der Landesherren nicht zu einem Totalzusammenbruch der monastischen Strukturen in Sachsen geführt. Die Fürsten verfolgten eigene Interessen und waren am Klosterbesitz interessiert, allerdings gingen das Kurfürstentum und das Herzogtum Sachsen in der Klosterfrage zunächst unterschiedliche Wege. Erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georgs des Bärtigen 1539 hielt auch im albertinischen Herzogtum die Reformation Einzug - aufgrund der im Kurfürstentum bereits gemachten Erfahrungen gingen die Umwälzungen hier aber sehr viel schneller und effektiver vonstatten. Viele Klöster gingen in den Besitz der Städte über. Schulen wurden eingerichtet - mit den Landesschulen Pforte (Zisterzienser), Grimma (Augustiner-Eremiten) und Meißen (St. Afra) an der Spitze -, die Gebäude der Leipziger Dominikaner gar der Universität übereignet. Mönche und Nonnen erhielten neben einer Pension oftmals auch das Recht, bis zu ihrem Tod in den angestammten Klostergebäuden zu verbleiben. Häufiger waren diese Abmachungen aber nicht das Papier wert, auf das sie geschrieben waren. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als Klöster an Privatpersonen verkauft (und oftmals verschleudert) wurden, geriet ihr Lebensmodell erneut in Gefahr. Insgesamt waren in Sachsen wohl 1.000 Ordenspersonen von den Aufhebungen betroffen.
Nicht alle geistlichen Gemeinschaften gingen unter. Mit St. Marienthal und St. Marienstern existieren bis heute zwei Zisterzienserinnenklöster, die ununterbrochen seit ihrer Gründung 1234 bzw. 1248 bestehen. Noch älter ist das Kollegiatstift St. Petri zu Bautzen, das seit 1218 existiert und 1921 bei der Gründung des Bistums Dresden-Meißen zum Domkapitel erhoben wurde. All diese Gemeinschaften finden sich nicht zufällig in der Oberlausitz: Dieses Gebiet fiel erst 1635 an Kursachsen, wobei der Fortbestand der Klöster Gegenstand vertraglicher Regelungen war. In Meißen und Wurzen blieben mittelalterliche Dom- und Stiftskapitel bestehen, nachdem die Domherren die lutherische Konfession angenommen hatten. Und wenig überraschend sind diejenigen Stifte und Klöster am besten erhalten, die eine Nachnutzung als katholische oder evangelische Institutionen erfuhren.
Enno Bünz richtet den Blick in einem zweiten einführenden Beitrag auf Stand und Perspektiven der Erforschung der sächsischen Klöster, Stifte und Kommenden (XCIX-CXXXVIII) und liefert dabei eine nach Institutionentypen gegliederte, durch eine umfassende Vertrautheit mit der Materie in all ihren Verästelungen bestechende bibliographie raisonnée der bisherigen Forschungen. Tatsächlich bestehen große Unterschiede in der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Während das Zisterzienserkloster Altzelle zu den "besterforschten Institutionen Sachsens gehört" (CXIII) und auch die Geschichte des Kollegiatstifts Bautzen oder des Benediktinerinnenklosters St. Georg vor Leipzig gut aufgearbeitet ist, sind die beiden Servitenklöster Großenhain und Radeburg historiografisch nahezu terra incognita. Die letzteren gewidmeten Artikel mussten deshalb nahezu vollständig aus ungedruckten Quellen bearbeitet werden.
Sabine Zinsmeyer skizziert in einem dritten einleitenden Beitrag Aufbau und Konzeption des Klosterbuchs, das sich als Grundlage für weitere Studien zu den Einzelinstitutionen sowie für vergleichende Forschungen zur Geschichte der religiösen Bewegungen, Orden und Kongregationen, aber auch zur Stellung und Funktion der Institutionen im Kontext von Herrschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur versteht (CXXXIX-CXLVII). Ein einheitliches Gliederungsschema ermöglicht den Vergleich der Gemeinschaften untereinander und mit den Niederlassungen gleicher Ordenszugehörigkeit in anderen Klosterlandschaften. Jeder Beitrag umfasst neun Abschnitte: 1. Allgemeines; 2. Grunddaten; 3. Geschichtlicher Überblick; 4. Verfassung und Organisation; 5. Grundherrschaft, Besitz, Wirtschaftsführung; 6. Religiöses und geistiges Leben; 7. Archäologie, Bau- und Kunstgeschichte; 8.Siegel und Wappen; 9. Quellen und Literatur.
Man nimmt das Sächsische Klosterbuch gerne zur Hand. Die einzelnen Klosterartikel lesen sich nicht nur hervorragend, sondern bestechen durch hochwertige Farbabbildungen, vor allem aber durch eine Fülle eigens erarbeiteter Besitzkarten, Lagepläne und Grundrisse. Sie alle erhöhen die Anschaulichkeit und Aussagekraft. Grenzen der Beschreibung finden sich immer dort, wo Quellen nicht (mehr) existieren. Das gilt nicht nur für Teilbereiche des geistig-geistlichen Lebens in den Klöstern, sondern auch für die Manifestationen materieller Kultur. So haben die Verfasser der Artikel zu Glocken fast immer deutlich mehr zu sagen als zu den Orgeln (die aber zugegebenermaßen erst im ausgehenden Spätmittelalter auch in kleinere Konventskirchen drängten).
Das vorliegende Werk möchte Forschungsbilanz sein, regt aber gleichzeitig (auf der Grundlage des bisher Geleisteten) zu weiteren Forschungen an. Das Sächsische Klosterbuch ist ein Standardwerk, das seinen Wert auf sehr lange Zeit hin behalten dürfte.
Ralf Lützelschwab