Sigrid Hirbodian / Sabine Holtz / Edwin E. Weber (Hgg.): Akteure des Bauernkriegs im deutschen Südwesten. Motive - Strategien - Kommunikation - Lernerfahrung (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe B: Forschungen; Bd. 239), Ostfildern: Thorbecke 2025, IX + 598 S., 91 Abb., ISBN 978-3-7995-9607-7, EUR 68,00
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Veronika Albrecht-Birkner: Reformation des Lebens. die Reformen Herzog Ernsts des Frommen von Sachsen-Gotha und ihre Auswirkungen auf Frömmigkeit, Schule und Alltag im ländlichen Raum (1640-1675), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2002
Senta Herkle / Sabine Holtz / Gert Kollmer-von Oheimb-Loup (Hgg.): 1816 - Das Jahr ohne Sommer. Krisenwahrnehmung und Krisenbewältigung im deutschen Südwesten, Stuttgart: W. Kohlhammer 2019
Die 16 Beiträge des vorliegenden Bandes gehen auf eine im Frühjahr 2024 von der Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur, der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Tübingen gemeinsam veranstaltete Tagung zurück, die den Fokus auf die Akteure des Aufstandsgeschehens im Jahre 1525 im deutschen Südwesten richtete, aber auch Seitenblicke nach Tirol, in die Ostschweiz und nach Thüringen warf. Quellenbedingt bleiben die Akteurinnen weitgehend außen vor. Zwar finden sich in einzelnen Beiträgen sporadisch Hinweise auf die Beteiligung von Frauen an den Aufständen (z.B. in St. Gallen: 398), aber nur Janine Maegraith widmet ihnen einen kompletten Beitrag, in dem sie aus gendergeschichtlicher Perspektive die sozioökonomische und rechtliche Stellung der Frauen untersucht, um auf diese Weise mehr über ihre Handlungsspielräume beim Aufstand 1525 zu erfahren.
Gegliedert ist der Band in vier Sektionen, die sich mit Bauern und Bürgern, "Vermittlern und Vordenkern", Fürsten und Adel sowie Klöstern und geistlichen Territorien befassen, wobei die Zuweisungen einzelner Beiträge zu den Sektionen nicht immer vollkommen überzeugen. So ist der an erster Stelle stehende Beitrag von Elmar L. Kuhn, der auf der Basis seiner langjährigen Studien Forschungsdiskussionen und -desiderate zum Bauernkriegsgeschehen in Oberschwaben resümiert, unter "Bauern und Bürger" eingeordnet, obwohl er einen allgemeinen, sektionenübergreifenden Überblick bietet. Der in der Adelssektion zu findende Beitrag von Andreas Flurschütz da Cruz, der die von Mythen überlagerte Biografie des Ritters Florian Geyer kritisch durchleuchtet und ihm eine Rolle als "Grenzgänger" zwischen Adel und Bauern attestiert (489), hätte dagegen durchaus auch in die Sektion "Vermittler" aufgenommen werden können.
Nicht zuletzt die vergleichenden Beiträge ermöglichen eine differenziertere Beurteilung der Motive der Handelnden. Peer Frieß etwa hinterfragt das Bild von den beiden Reichsstädten Überlingen und Memmingen als bauernfeindliche bzw. -freundliche Prototypen und kommt zum Schluss, dass bei beiden Städten trotz unterschiedlicher Krisenbewältigungsstrategien und religiöser Situation die Bewahrung des rechtlichen und wirtschaftlichen Status quo entscheidend und beiden gemeinsam war. Es werden aber nicht nur Städte verglichen, sondern auch zentrale Personen des Geschehens. Thomas T. Müller vergleicht die Viten der drei Prediger Christoph Schappeler, Thomas Müntzer und Jakob Strauß und konturiert dadurch deren Vorstellungen nochmals schärfer: Vor allem betont Müller, dass alle drei sich nicht als militärische Führer, sondern "in erster Linie als Theologen und Berater" verstanden, die sich "ihrer bereits längst entwickelten reformatorischen Agenda" verpflichtet fühlten (426). Meines Erachtens stellt Müller zu Recht in Frage, dass die drei Prediger über ihre Region hinaus größeren Einfluss auf das Bauernkriegsgeschehen hatten. Auch der Beitrag von Clemens Joos über die Reaktionen der Adligen gegenüber den aufständischen Bauern profitiert vom Vergleich: Er kontrastiert das Verhalten des Hardliners Graf Felix von Werdenberg mit dem gemäßigteren Vorgehen Gottfried Werners von Zimmern und Truchsess' Wilhelm d.Ä. von Waldburg. Auch der Umgang der Fürsten mit den Aufständischen wird von Julia Mandry anhand der Korrespondenz Friedrichs des Weisen bzw. Johanns des Beständigen, Philipps von Hessen, Georgs von Sachsen und Graf Wilhelms IV. von Henneberg-Schleusingen vergleichend analysiert.
Von den neuen Erkenntnissen, die man durch den Band gewinnen kann, möchte ich drei Aspekte hervorheben. Dazu gehört erstens, worauf auch der Untertitel des Bandes hinweist, die Frage nach den internen wie externen Kommunikationsstrukturen der Handelnden, die, wie Wolfgang Wüst mit Blick auf die Städte schreibt (155), von einer geradezu "explodierenden" Korrespondenz gekennzeichnet waren. Dass nicht nur auf Seiten der Herren ein funktionierendes Brief- und Botenwesen bestand, kann Casimir Bumiller in seinem Beitrag über die Ereignisse im Hegau, Schwarzwald und Breisgau anhand von 46 Schreiben aus der Kanzlei der "christlichen Bruderschaft" aus dem Zeitraum von Ende März bis Ende Juni 1525 nachweisen. Für Wüst wiederum führte der Bauernkrieg zu einer Dynamisierung des städtischen Informationsnetzes, die er durch die statistische Auswertung der Ratskorrespondenzen von Augsburg und Nördlingen belegt.
Ein zweiter Aspekt betrifft die Frage, wie sich die Städte in dem Konflikt positionierten. Der Beitrag von Peer Frieß über Memmingen und Überlingen ist bereits genannt worden. Die Politik der Reichsstadt Ravensburg ist Thema des Beitrags von Silke Schöttle. Sie skizziert, wie sich Ravensburg im Bestreben, zwischen dem Schwäbischen Bund und den Bauern als unparteiischer Richter aufzutreten, zeitweise "zwischen allen Stühlen" (365) befand, aber letztendlich durch diplomatisches Geschick verhinderte, dass es zur Schlacht vor den eigenen Toren kam. Den Sonderfall einer gewaltfreien Lösung stellt Arman Weidenmann mit der Reichsstadt St. Gallen vor, die kein Interesse an einer Eskalation des Konfliktes zwischen dem St. Galler Abt und seinen Gotteshausleuten hatte, um nicht die eigenen Erfolge bei der Einführung der Reformation in ihren Mauern zu gefährden. Da alle Beteiligten die innerhalb der Eidgenossenschaft seit langem fest etablierte Institution des Schiedsgerichtes akzeptierten, konnte im Gegensatz zum benachbarten Oberschwaben ein gewaltsamer Konfliktaustrag vermieden werden. Dies ist umso erstaunlicher, als sich auch in der Ostschweiz, wie Stefan Sonderegger konstatiert, die rechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Bauern verschlechtert hatten und deren Beschwerden denen in Oberschwaben ähnelten.
Gerade vor dem Hintergrund der eidgenössischen Praxis erscheint mir drittens die im Tagungsband behandelte Frage nach den Chancen einer rechtlichen Konfliktlösung besonders spannend. Dass eine solche auch für die aufständischen Hegauer und Stühlinger Bauern eine Option war, zeichnet minutiös David von Mayenburg anhand der Verhandlungen nach, die sie von Dezember 1524 bis in den April 1525 mit ihren Herren führten. In Stühlingen befasste sich am Ende sogar noch das Reichskammergericht mit dem Konflikt, allerdings zu einem Zeitpunkt, als die Entscheidung für den Krieg längst gefallen war. Zu diesem rechtlichen Themenkomplex gehört auch die Frage, ob und was die Beteiligten aus den Erfahrungen gelernt haben. Edwin Ernst Weber liefert mit der Grafschaft Sigmaringen und der Reichsstadt Rottweil zwei Beispiele, die grosso modo die These Winfried Schulzes von der "Verrechtlichung der sozialen Konflikte" nach 1525 stützen. Dass auch Schwüre und Eide bei der Befriedung nach 1525 eine große Rolle spielen konnten, um die Aufständischen wieder in den Untertanenverband zu integrieren, hebt Daniel Pfeifer in seinem Beitrag über die Fürstpropstei Ellwangen hervor.
Insgesamt bietet der Band eine breite Palette an unterschiedlichen Fragen und Zugängen. Wer sich über den Stand der Forschung zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben informieren möchte, wird also an diesem Band nicht vorbeikommen. Zu seinen Stärken gehört, dass nicht wenige der Beiträge bisher nicht genutztes Archivmaterial auswerten und damit die Diskussionen über den Bauernkrieg bereichern bzw. weitere anstoßen werden. Schließlich sei noch eigens hervorgehoben, dass zur Illustration alle elf Blätter der Bauernkriegschronik des Klosters Weißenau abgebildet und detailliert beschrieben sind. Zu ihrem Autor, Abt Jacob Murer, und seinen Motiven zur Abfassung der Chronik hat Peter Eitel für den Band eine Studie beigesteuert, in der er das Lebensbild eines von "Unsicherheit und Widersprüchlichkeit" (532) geprägten Prälaten zeichnet.
Wolfgang Dobras