Thomas Köhler u.a. (Hgg.): Polizei und Holocaust. Eine Generation nach Christopher Brownings Ordinary Men, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2023, XIX + 305 S., 11 s/w-Abb., ISBN 978-3-506-79282-2, EUR 24,90
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Vor mehr als drei Jahrzehnten löste die Hinwendung zu den "ganz normalen Männern" [1] und die Frage, was diese zu Massenmördern hatte werden lassen, einen Paradigmenwechsel in der Perzeption deutscher Täterschaft im Holocaust aus - sowohl in der historischen Forschung als auch im kollektiven Gedächtnis. Der Sammelband Polizei und Holocaust ordnet in insgesamt 16 Einzelbeiträgen das einflussreiche Werk des US-amerikanischen Historikers Christopher Browning retrospektiv ein und stellt zudem kontroverse Fragen nach dem gegenwärtigen Stand des Holocaust als moralische Referenz in multiethnischen Gesellschaften. Insbesondere wegen der rasant zunehmenden antisemitischen Angriffe auf die Erinnerungskultur - beispielsweise unter der Parole "Free Palestine from German Guilt" - stellt sich die Frage, ob der vorliegende Band in seinen Einordnungen dauerhaft überzeugen kann.
Der erste Teil der Studie unternimmt rückblickend eine historiografische Verortung von Brownings Ordinary Men und präsentiert neue Ansätze der Holocaust- und Täterforschung. Beachtlich ist dabei vor allem der Beitrag zu sexualisierter Gewalt begünstigt durch Alkoholkonsum der Täter und performativer Männlichkeit von Edward B. Westermann. Die besetzten Ostgebiete werden hier schlüssig als ein auch durch geschlechtsspezifische Faktoren konstruierter Raum dargestellt. Obgleich seine Befunde einer schärferen Systematisierung bedurft hätten, überzeugt er vollkommen, wenn er schlussfolgert: "Im Osten verbanden sich bei den Tätern die physische Inbesitznahme von Gebieten, Konzepte ethnischer und geschlechtlicher Überlegenheit sowie die Wahrnehmungen männlicher Dominanz mit exzessivem Alkoholkonsum." (71)
Der zweite Teil des Bands befasst sich mit historischen Deutungsvarianten von Massengewalt im Holocaust und deren Tätern in verschiedenen erinnerungspolitischen Kontexten. Erkenntnisreich ist besonders der Beitrag von Thomas Pegelow Kaplan, der die langen Linien von Holocaust-Deutungen in Westdeutschland und den USA von der frühen Nachkriegszeit bis zur Gegenwart nachzeichnet. Er argumentiert schlüssig, dass mit der globalen Wende um 1990 die im Kalten Krieg verfestigten Metanarrative in sich zusammenfielen und infolgedessen die Erinnerung an den Holocaust zu einem "unantastbaren moralischen Wert" (101) avanciert sowie zum Maßstab der Bewertung aktueller Massenverbrechen geworden sei. Mit seinem Verweis auf die mit der Universalisierung und Entkontextualisierung des Holocaust verbundenen Gefahren, wie die Instrumentalisierung und Trivialisierung durch illiberale Kräfte, leistet Pegelow Kaplan einen beachtlichen Gegenwartsbezug. Einen sehr gelungenen inhaltlichen Impuls gibt auch Jan Grabowski mit seiner Analyse der Rolle des lokalen Polizeiapparates bei der Judenverfolgung im nationalsozialistisch besetzten Polen. Er zeichnet die Kollaboration der polnischen Polizisten mit den deutschen Besatzern in vier Phasen nach: Von der Umsetzung der diskriminierenden Gesetze der Besatzer und Ghettoisierung der als Jüdinnen und Juden verfolgten örtlichen Bevölkerung, der Vollstreckung von Todesstrafen und Exekutionen, über Massenerschießungen im Rahmen der Ghettoauflösungen und Deportation bis zur gezielten Jagd auf überlebende Verfolgte charakterisiert Grabowski die bereitwillige und sich radikalisierende Partizipation der polnischen Polizei am Holocaust. Dabei kann er sich auf aussagekräftige Quellen stützen und geht mit analytischer Präzision auf Diskrepanzen zwischen städtischem und ländlichem Raum, Korruption und Delinquenz sowie auf die besondere Stellung der örtlichen Polizei innerhalb der polnischen Gesellschaft ein. Es enttäuscht hingegen der Beitrag von Joel Zisenwine, dessen Betrachtung der "Gerechten Polizisten" (182) kaum mehr als eine Nacherzählung von biografischen Lexikonartikeln der Website von Yad Vashem darstellt. Gerade hier wurde aufgrund des erhobenen Anspruchs, ein "Kontrastbeispiel" zu dem von Browning untersuchten Täterhandeln zu erbringen (191), großes Potenzial verspielt, was mit einer tiefgehenden quellenbasierten Betrachtung sicherlich hätte vermieden werden können.
Hieran schließt der dritte Teil des Bandes mit gegenwartsorientierten Beiträgen an, welche die Rolle der Polizei- und Holocaustgeschichte für die Bewusstseinsbildung in multiethnischen Gesellschaften untersuchen. Hervorzuheben ist hier die kontroverse Frage, welchen Stellenwert der Holocaust als universelle moralische Referenz in westlichen Demokratien einnimmt. So analysiert Oliver von Wrochem das fundamentale Problem, dass ein ethnisch-nationaler Zugang zur NS-Geschichte den Kern der deutschen Erinnerungskultur bilde und den Anforderungen einer multiethnischen Gesellschaft nicht mehr standhalten könne. Davon ausgehend argumentiert er, dass es eine Diversifizierung der Zugänge zu Täterschaft und Verfolgung im Nationalsozialismus brauche, um auch Menschen mit Migrationsbiografien erinnerungskulturell inkludieren zu können. Amos Goldberg betrachtet die Frage wiederum bezogen auf den Nahostkonflikt. Zunächst charakterisiert er die Geschichte des Holocaust und den Anti- beziehungsweise Postkolonialismus als die zwei wesentlichen konfligierenden Narrative des 20. Jahrhunderts, die auch im "Kampf der Narrative" (253) zwischen Israel und Palästina maßgeblich seien. Dabei hebt er scheinbar unvereinbare Widersprüche beider Perspektiven auf die Staatsgründung Israels hervor - namentlich die Bagatellisierung oder gar Leugnung des Holocaust beziehungsweise der Nakba - und stellt die Kernargumente beider Narrative mit ontologischer Versiertheit dar. Davon ausgehend plädiert Goldberg für ein "binationales Narrativ" (258), das Holocaust und Nakba als historisch miteinander verflochtene Ereignisse betrachtet. Goldbergs Ansatz, der "die grundlegende Gleichberechtigung der beiden Narrative voraussetzt, die zu einer zweiseitigen Geschichte verschmelzen" (261), hat durch die Verschärfung des Nahostkonfliktes seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 weder an Richtigkeit noch an Relevanz eingebüßt.
Einen gelungenen Transfer liefern schließlich Thomas Köhler und Christoph Spieker, die die erinnerungskulturelle Auseinandersetzung mit polizeilicher Täterschaft im Nationalsozialismus in der deutschen Polizei untersuchen und die Forschung Brownings in der gegenwärtigen Polizeiausbildung verorten. Sie schlagen mit ihrem Beitrag eine Brücke zur aktuellen Relevanz von Ordinary Men, wenn sie zu dem Ergebnis kommen: "Zentral für die Implementierung eines demokratischen und bürgerrechtsbasierten Bewusstseins in der Polizei ist schließlich die kritische Auseinandersetzung mit der belasteten institutionellen Vergangenheit, die den Weg von an Männlichkeitsritualen, Militarismus und Repression geprägten Kontexten hin zu Diversität, Dialog und Deeskalation ebnen kann." (291)
Mit dem Sammelband "Polizei und Holocaust" liegt eine gelungene Bestandsaufnahme zur Holocaust- und Täterforschung eine Generation nach Ordinary Men vor, die mit ihrer inhaltlichen Breite und Beiträgen von Historikern (und einer Historikerin) aus Deutschland, den USA, Kanada und Israel aktuelle internationale Tendenzen der Forschung auslotet und dem deutschsprachigen Büchermarkt zugänglich macht. Dabei bildet Brownings Forschung einen stetigen Referenzpunkt, die zwar entsprechend gewürdigt wird, jedoch eine substanzielle kritische Auseinandersetzung vermissen lässt. [2] Neben einigen argumentativ wenig überzeugenden Einzelbeiträgen sind zudem der oftmals unkritische Gebrauch von NS-Tätersprache ohne entsprechende Kenntlichmachung sowie ein generell von Flüchtigkeitsfehlern behafteter Gesamttext zu bemängeln. Allerdings glänzt der Band mit seinen gegenwartsbezogenen Beiträgen, welche die NS-Verbrechen als moralische Referenz in multiethnischen Gesellschaften westlicher Demokratien adressieren und nicht nur trotz, sondern wegen der tendenziell zunehmenden Angriffe auf die Erinnerungskultur wichtige Perspektiven eröffnen.
Anmerkungen:
[1] Christopher R. Browning: Ordinary Men. Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland, New York 1993.
[2] Vgl. dazu eine kürzlich erschiene kritische Auseinandersetzung mit dem von Browning etablierten "Normalitätsparadigma" in der Holocaustforschung: Clemens Villinger: Endlich normale Nazis? Normalität als Begriff in der Alltags- und Täterforschung zur NS-Zeit, in: VfZ 74 (2026), 117-151.
Leon Stein