Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt, Stuttgart: Klett-Cotta 2026, 272 S., ISBN 978-3-608-96715-9, EUR 26,00
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Niall Ferguson: Krieg der Welt. Was ging schief im 20. Jahrhundert? Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Klaus Binder, Berlin / München: Propyläen 2006
Tim Szatkowski / Tim Geiger / Jens Jost Hofmann (Bearb.): Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1987, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2018
A. Dirk Moses (ed.): Empire, Colony, Genocide. Conquest, Occupation, and Subaltern Resistance in World History, New York / Oxford: Berghahn Books 2008
Poul Villaume / Odd Arne Westad (eds.): Perforating the Iron Curtain. European Détente, Transatlantic Relations, and the Cold War 1965-1985, Kopenhagen: Museum Tusculanum Press 2010
Odd Arne Westad: Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte, Stuttgart: Klett-Cotta 2019
Melvyn P. Leffler / Odd Arne Westad (eds.): The Cambridge History of the Cold War, Cambridge: Cambridge University Press 2009
"Ein Plädoyer für den Frieden ist tatsächlich ein Plädoyer gegen den Krieg, und insbesondere gegen einen Krieg zwischen Großmächten" (225). Das betreffe die unmittelbare Zerstörungskraft gegenüber Menschen wie Städten und Regionen, habe aber auch generationenübergreifende Langzeitwirkungen. Wer würde dem widersprechen? Odd Arne Westad, renommierter norwegischer Historiker an der Yale University, kann als einer der besten Kenner des Kalten Kriegs gelten, hat er doch, ursprünglich China-Spezialist, wegweisende quellengestützte Gesamtdarstellungen zum Kalten Krieg geschrieben, die konzeptuell überzeugend und quellenmäßig dicht recherchiert sind.[1] Es gibt international kaum Vergleichbares oder gar Besseres.
Nun liefert er einen großen Essay zur Analyse der weltpolitischen Gegenwart, die mit der eingangs zitierten unstrittigen Aussage und dem wichtigsten Thema "unserer Zeit, der Frage von Krieg und Frieden" (11) endet: der Vermeidung eines neuen Weltkriegs. Ängste und Ressentiments sieht der Verfasser als zentrale Antriebe der Weltpolitik von heute, Unklarheiten über die Verhaltensweisen und Konsequenzen der wichtigsten Großmächte in den Konflikten der Gegenwart stehen im Vordergrund seiner Analyse, und hier sieht er Parallelen zur Staatenwelt vor dem Ersten Weltkrieg. Dies bildet den Kern der Arbeit: immer wieder die Situation vor 1914 mit der Gegenwart in sprechende Analogien zu setzen. "Die extrem komplexe Mischung von Hoffnungen und Ängsten führte zu einem mühsamen Entscheidungsprozess und dazu, dass viele Großmächte bereit waren, für ihre Ziele Risiken einzugehen", aber andererseits auch Bündnisse und Abmachungen gegen Angriffe auf das eigene Land zu schließen (126). Diese Diagnose für die Vorweltkriegszeit treffe auch und gerade auf die Gegenwart zu: Das ist der Kern der Sorgen Westads - Völkerrecht, regelbasierte Ordnung, Vereinte Nationen stehen gegenüber diesem Ansatz zurück. Sie sind Faktoren in machtpolitischen Auseinandersetzungen der internationalen Politik. Schon zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses und des sowjetischen Angriffs auf Afghanistan gab es eine breite Analogiedebatte zu 1914 von Publizisten wie Miles Kahler oder Politikern wie Helmut Schmidt.[2]
Westad erkennt auch für 2026 im Kern die fehlende Kompromissfähigkeit der führenden Politiker untereinander. 1914 seien sie jeweils von der Angst vor einem Statusverlust getrieben worden. Keiner von ihnen habe wirklich einen großen Krieg gewollt. "Die offensichtlich wichtigste Lehre aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lautet, dass eine plötzliche und dramatische Veränderung der Großmächtekonstellation zum Krieg führen kann, aber nicht muss" (76 f.). Damit formuliert er zu dem strukturellen Befund hinzukommend die situative Gefahr.
In diesen Leitlinien interpretiert Westad das 19. Jahrhundert und zieht durchgängig Parallelen zur Gegenwart. Das ist in vielem originell, fällt aber bisweilen doch recht holzschnittartig aus. Zu den Hauptängsten gehörte demnach die Sorge vor dem Niedergang, nicht zuletzt auf britischer Seite als führender Weltmacht und beim Deutschen Reich als dem aufstrebenden Konkurrenten. "Wenngleich Deutschland wirtschaftlich enorme Fortschritte gemacht hatte, fürchteten viele Deutsche und auch der Kaiser um 1910, dass diese Wachstumsraten ihren Höhepunkt erreicht haben könnten" - und andere Mächte das Land einkreisen würden (87). Schnell ist er dann bei der gegenwärtigen Konstellation und dem Verhältnis der USA zu China. Freilich sei die Ähnlichkeit der USA zu Großbritannien als Macht im Niedergang nur relativ. "All diese Wirtschaftsprobleme führen, nicht ganz unähnlich wie in Deutschland vor 1914, bei der chinesischen Elite zu der Befürchtung, dass die Zukunft problematischer werden könnte als bisher angenommen" (98). Genau diese funktionale Parallelität des Deutschen Reichs mit dem heutigen China ist doch recht fraglich.
Westad wird nicht müde, die Vorweltkriegskonstellation in Einzelmerkmalen mit denjenigen der Gegenwart zu konfrontieren, auch wenn er als guter Historiker nie identische, sondern ähnliche Merkmale hervorhebt. "Dennoch sind viele ökonomische Befürchtungen der etablierten Mächte genau wie vor dem Ersten Weltkrieg hauptsächlich Projektionen ihrer eigenen inneren Probleme" (91).
Die Hervorhebung der wirtschaftlichen Konkurrenz als Merkmal auch der Zeit vor 1914 ist der zentrale und überzeugende Punkt. Dass dadurch Unsicherheiten über die Zukunft entstehen konnten, ist wohl nicht nur auf dieses Beispiel beschränkt, sondern ein allgemeines Merkmal internationaler Staatenpolitik der letzten Jahrhunderte. Diese Unsicherheit der Vorweltkriegszeit habe jedoch - so heißt es andererseits - im Bewusstsein vieler Politiker zur Entspannung beigetragen. Das wird mit einem Zitat des britischen Außenministers Edward Grey von Anfang 1914 verdeutlicht: Man habe optimistisch in die Zukunft geblickt. Doch dann gab es das Attentat von Sarajewo, das für Serbien unannehmbare österreichische Ultimatum und den deutschen "Blankoscheck" zur Unterstützung. Dieser Eskalation aufgrund eines überraschenden Ereignisses folgt Westad minutiös. Eben diese kurzzeitige Gefahr einer Eskalation aufgrund eines überraschenden einzelnen Ereignisses könne auch in der Gegenwart in einen Weltkrieg führen.
Strukturelle Konkurrenzen, emotionale Aufladungen und eher zufällige Anlässe - das ist für Westad die brisante Mischung von damals und heute. Er beschränkt sich dabei nicht auf die US-China-Connection, sondern entfaltet differenziert ein breites Panorama. "Die Welt von heute ist mindestens so chaotisch wie die vor dem Ersten Weltkrieg" (176). Taiwan und Tibet, Indien, der Nahe Osten, natürlich die Ukraine, aber auch Moldau werden als ungelöste Konfliktregionen und -felder knapp und präzise vorgeführt, die im Vergleich zu damals neue Rolle von Nuklearwaffen wie Informationstechnologie einbezogen. Es überzeugt bisweilen wenig, dass der Autor auch im Kleinen immer wieder Parallelen zu einzelnen Vorgängen des frühen 20. Jahrhunderts zieht. Das ist recht weit hergeholt, aber genau darauf beharrt Westad nicht nur im Buch, sondern hat dies auch in zahlreichen Interviews und Podcasts in aller Welt im letzten Jahr betont.
Titel und Untertitel des Buchs - im Deutschen nochmals zugespitzt gegenüber dem englischen Titel The Coming Storm: Power, Conflict and Warnings from History - suggerieren eine Notwendigkeit, ja einen Fatalismus des Wegs in einen großen Krieg. Genau mit dieser Dramatisierung will der Autor aber nur daran appellieren, den abschüssigen Weg zu verlassen. Das Mächtesystem habe sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt und man müsse darauf achten, dass die "Veränderungen des internationalen Systems mit der Erhaltung des Friedens vereinbar sein müssen" (235). Das zielt auf eine neue konsensuale Anpassung der Machtverhältnisse in der Staatenwelt, gegebenenfalls auch nach einer Reform der in dieser Hinsicht dysfunktionalen Vereinten Nationen mit den fünf ständigen Mitgliedern im Sicherheitsrat.
Kehrt um, es könnte mit einem Male schnell gefährlich werden: Das ist die Botschaft des norwegischen Historikers an die Akteure der Staatenwelt. Lernen aus der Geschichte ist ein guter, wenn auch meist nur indirekt möglicher Weg zur gegenwärtigen Diskussion der Weltpolitik und ihrer Gefahren. Westad scheint mit seiner einen großen und vielen kleineren Parallelen jedoch bisweilen die Möglichkeit zu unmittelbarer historischer Erkenntnis zu überschätzen.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Odd Arne Westad: The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of Our Times, Cambridge 2005; ders.: The Cold War. A World History, New York 2017; ders. / Chen Jian: The Great Transformation. China's Road from Revolution to Reform, New Haven / London 2024.
[2] Vgl. Miles Kahler: Rumors of War: The 1914 Analogy, in: Foreign Affairs 58 (1979), 374-396.
Jost Dülffer