Christhardt Henschel / Ruth Leiserowitz / Kamila Lenartowicz et al. (eds.): Jewish or Common Heritage? Appropriation of Synagogues in East-Central Europe since 1945 (= Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau; 49), Osnabrück: fibre Verlag 2024, 320 S., ISBN 978-3-944870-90-8, EUR 79,90
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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.
Christhardt Henschel (Hg.): Ostpreußens Kriegsbeute. Der Regierungsbezirk Zichenau 1939-1945, Osnabrück: fibre Verlag 2021
Maria Cieśla / Ruth Leiserowitz (eds.): Space as a Category for the Research of the History of Jews in Poland-Lithuania 1500-1900, Wiesbaden: Harrassowitz 2022
Ruth Leiserowitz: Heldenhafte Zeiten. Die polnischen Erinnerungen an die Revolutions- und Napoleonischen Kriege 1815 - 1945, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017
Dass Synagogenbauten [1] erhalten bleiben sollen, auch wenn seit mehr als 80 Jahren keine jüdische Gemeinschaft mehr existiert, ist mittlerweile in Deutschland mit einigen Ausnahmen eine der Selbstverständlichkeiten einer (materiellen) Gedenkkultur. Dazu gehört auch, dass für eine Vielzahl von Regionen Dokumentationen vorliegen [2], die ihre Geschichte bis 1938/41 erfassen und - jeweils deutlich nachgeordnet - Aussagen zum Umgang nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anschließen. Allerdings bleiben Auseinandersetzungen mit der Herstellung, Verwendung und Wahrnehmung dieser Bauten als Jewish Heritage, als erzeugte Räume für eine institutionalisierte Erinnerung und/oder in ihrer Rolle als Vermittlerin lokaler Narrative - und dabei in ihren Beziehungen sowohl zur nicht-jüdischen Geschichte als auch Umgebung - weitgehend außen vor. Dass dies immense Leerstellen sind, wird mit der Lektüre des von Christhardt Henschel, Ruth Leiserowitz, Kamila Lenartowicz, Neele Menter und Zuzanna Światowy herausgegebenen Bandes zur Aneignung von Synagogen als ein "Erbe" in Zentral- und Osteuropa umso deutlicher.
Die Beiträge folgen derartigen Prozessen auf vielfältige Weise und loten damit Möglichkeiten und die Anwendung von Konzepten der Critical Heritage Studies in vielfacher Hinsicht und gewinnbringend aus. Mit der Ausnahme von Valeria Rainoldu, die sich mit der Translozierung von Synagogen besonders aus Norditalien nach Israel beschäftigt und dafür das Beispiel einer Synagoge aus Conegliano ins Zentrum stellt, konzentrieren sich die Texte auf Polen, Litauen, die Tschechische Republik, Kroatien, Ungarn, Rumänien, Ukraine und Belarus. Viele der vorgestellten Synagogen dürften zumindest Leser:innen in Deutschland mehrheitlich unbekannt sein; die Auswahl bewegt sich vor allem abseits von Großstädten und bezieht vor allem Orte ein, in denen keine Jüd:innen mehr lebten. Zudem lenkt der Band den Blick auf Regionen, in denen sich die Nationalität der Bewohner:innen durch neue Grenzverläufe und Umsiedlungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte. Aspekte wie Herkunft, (gemeinsames) Erbe, Zuordnung, Identität, Verantwortung und/oder Möglichkeiten einer Aneignung bilden hier andere Rahmen und Zugänge zu einer Auseinandersetzung und Untersuchung von Heritage als in solchen Regionen, in denen aufgrund mehrgenerationaler und/oder nationaler Kontinuitäten linearere Narrative erarbeitet werden (können).
Grundsätzlich stellen die Herausgeber eingangs fest, dass erhalten gebliebene Synagogen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst als "jüdisches Erbe" behandelt und verstanden wurden und eine Integration in ein gemeinsames, also nicht an religiöse oder nationale Zugehörigkeit gebundenes, städtisches oder regionales Erbe ausblieb. Erst mit der Wiederentdeckung in den letzten drei Jahrzehnten wurde - sowohl durch denkmalpflegerische und konservatorische Maßnahmen als auch durch die Etablierung neuer Nutzungen und Bedeutungen - nicht nur oft ihr Erhalt gesichert, sondern auch Aspekte einer jüdischen Geschichte und ihrer materiellen Hinterlassenschaften in das Erbe eines Ortes integriert. Dies bedeutete oft eine im Sinne des Wortes geschaffene Zugänglichkeit: Neue jüdische Gemeinden gründeten sich ab den 1990er Jahren nur selten, und die Gebäude wurden für eine nicht-jüdische Öffentlichkeit vor allem als Kultureinrichtungen nutzbar gemacht. Dabei existieren nach wie vor nicht wenige Synagogen, die baulich in einem schlechten Zustand sind und für deren Erhalt staatliche Institutionen nicht immer die notwendige Initiative aufbringen, wie Piotr Puchta, Direktor der polnischen Stiftung für den Erhalt des jüdischen Erbes (Fundacja Ochrony Dziedzictwa Żydowskiego), in seinem Beitrag verdeutlicht.
Die Publikation geht auf eine gleichnamige Konferenz zurück, die im September 2023 am Deutschen Historischen Institut und am POLIN Museum of the History of Polish Jews in Warschau stattfand. Die 20 aufgenommenen Beiträge, die eine Wiederentdeckung erhaltener, verlassener Synagogen als Erbe in der jüngeren Vergangenheit ins Zentrum stellen, sind vier Schwerpunkten zugeordnet: "I General and Personal Approaches", "II The Use and Re-Use of Synagogues and Their Objects 1945-1990", "III Studies Through the Local Lens" und schließlich "IV Individual Objects an Historical Perspectives: Transformation Periods and the Competition of Concepts". Die beiden erstgenannten Teile versammeln Texte, die ihre Fragestellungen in Überblicksdarstellungen vor allem in nationalen Kontexten behandeln. Zum Teil werden hier Ergebnisse von jahre-, manchmal jahrzehntelangen Forschungen präsentiert. Eugeny Kotlyar widmet sich beispielsweise dem Umgang mit Synagogen als architektonischem Erbe nach der Unabhängigkeit der Ukraine. Er vermittelt dabei nicht nur Einsichten in verschiedene Entstehungskontexte, sondern arbeitet auch die Unterschiede heraus zwischen Bauten, die nach 1990 wieder Gemeinden beherbergten, und jenen vor allem in vormaligen Shtetls, in die keine Jüd:innen zurückkehrten. Insgesamt handelt es sich um ein reiches und komplexes Erbe, dessen Erhalt und Schutz vor dem Hintergrund des Krieges, den Russland gegen die Ukraine führt, bei weitem nicht gesichert ist. Kotlyar selbst begann seine Auseinandersetzung mit diesen Bauten Mitte der 1990er Jahre.
Der dritte und der vierte Teil des Buches versammeln dann vor allem Studien, die anhand von einzelnen oder einer Auswahl von Synagogenbauten zentralen Momenten eines lokalen oder nationalen Umgangs mit dem materiellen jüdischen Erbe und seiner Bedeutung nachgehen. Auch wenn dies der Fülle und den Themen kaum gerecht wird, können hier nur zwei Beiträge genannt werden: Melinda Harlov-Csortan fächert anhand von Synagogen im ländlichen Raum Ungarns die verschiedenen Funktionen auf, die diese Bauten haben: (nach wie vor) als Orte des Gebets, als Denkmale (memorials), als Monumente mit Museen, als Teil eines heritage und dabei auch als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit anderen Aspekten jüdischer Vergangenheit und ihren Räumen. Monika Žąsytienės Artikel ist der Synagoge in ŠvėkŠna, einer Kleinstadt im Westen Litauens, gewidmet. Die Mitarbeiterin des Hugo Scheu-Museums in Šilutė schreibt nicht nur über die Schwierigkeiten, das Gebäude zu erhalten, sondern zugleich auch darüber, wie es in eine Geschichte des Landes integriert werden kann, dessen jüdische Bevölkerung ab Sommer 1941 zu 90 Prozent ermordet wurde.
Nahezu alle Texte beinhalten kurze Darstellungen zur jüdischen Geschichte und/oder Gegenwart eines Landes oder einer Region. Damit erweist sich der Band zusätzlich als zwar knapper, aber fundierter Überblick zu dieser Thematik für Zentral- und Osteuropa. Von besonderer Bedeutung für kommende Auseinandersetzungen und für Arbeiten mit vergleichenden Ansätzen dürfte die "Conclusion" sein, die einen Teil der Einleitung bildet. Hier stellen die Herausgeber als Auswertung der Beiträge und Diskussionen grundlegende Aspekte und Überlegungen zusammen, zum Beispiel zu einer Periodisierung, den symbolischen Werten oder der Materialität kulturellen Erbes.
Weniger als einen Monat nach der Tagung in Warschau ermordeten Terroristen der Hamas und verbündeter Gruppierungen im Süden Israels rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 als Geiseln nach Gaza. Diesem tödlichsten Angriff auf Jüd:innen seit dem Holocaust folgte ein beispielloser weltweiter Anstieg von Antisemitismus, der zuallererst eine Bedrohung und tatsächliche Gefahr für Jüd:innen ist, aber zudem einen Angriff auf die Erinnerung an den Holocaust beinhaltet, nicht zuletzt in ihren materiellen oder materialisierten Formen. Vor diesem Hintergrund stellen sich neue Fragen nach einer Gegenwart und Zukunft eines Jewish Heritage. Es wäre wünschenswert gewesen, dass dies - wenn auch (noch) nicht von den Beitragenden - doch mindestens einleitend thematisiert worden wäre. [3]
Anmerkungen:
[1] Nahezu jeder Raum kann zu einer Synagoge werden. Im Folgenden sind immer Bauten gemeint, die zum Zweck einer Nutzung als Synagoge durch eine jüdische Gemeinde errichtet wurden. Darüber hinaus wäre es richtiger, mit Blick auf die freiwillige oder erzwungene Aufgabe von "vormaliger" oder "ehemaliger" Synagoge zu sprechen. Mit Blick auf die Vorgaben hinsichtlich einer Länge dieser Rezension wird hier darauf verzichtet.
[2] Exemplarisch: Wolfgang Kraus / Hans-Christoph Dittscheid u. a. (Hgg.): Mehr als Steine - Synagogengedenkband Bayern, 3 Bde., Lindenberg im Allgäu 2007-2021; http://www.synagogenprojekt.de/index.html (14.07.2025).
[3] Transparenzhinweis: Die Anfrage für diese Rezension erreicht mich einige Monate, bevor ich meine Arbeit am DFG-Forschungsprojekt "Erich Mendelsohns Büros - internationale Netzwerke eines jüdischen Architekten im 20. Jahrhundert" an der Bet Tfila - Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa in Braunschweig aufnahm. Einzelne Mitarbeiter:innen waren sowohl in die Organisation der Tagung als auch in die Herausgabe des Bandes involviert.
Alexandra Klei