Martin Nodl / Piotr Węcowski / Dušan Zupka (eds.): Marxism and Medieval Studies. Marxist Historiography in East Central Europe (= East Central and Eastern Europe in the Middle Ages, 450-1450; Vol. 93), Leiden / Boston: Brill 2024, XIII + 391 S., ISBN 978-90-04-68918-3, EUR 164,78
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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.
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Monika Suchan: Mahnen und Regieren. Die Metapher des Hirten im früheren Mittelalter, Berlin: De Gruyter 2015
Michel Pauly (Hg.): Die Erbtochter, der fremde Fürst und das Land. Die Ehe Johanns des Blinden und Elisabeths von Böhmen in vergleichender europäischer Perspektive. Colloque international, Luxembourg, 30 septembre et 1er octobre 2010, Luxemburg: CLUDEM 2013
Ian Wood: The Modern Origins of the Early Middle Ages, Oxford: Oxford University Press 2013
Chris Jones / Conor Kostick / Klaus Oschema (eds.): Making the Medieval Relevant. How Medieval Studies Contribute to Improving our Understanding of the Present, Berlin: De Gruyter 2019
Der von drei namhaften Mittelalterforschern herausgegebene Sammelband zur Geschichte der marxistischen Mediävistik ist eine um einige Beiträge ergänzte Version eines tschechisch-polnischen Konferenzbandes. Dieser wiederum geht auf eine Konferenz in Prag im Jahr 2019 zurück. [1] Die Unterschiede zur früheren Version des Buches bestehen hauptsächlich darin, vier neue Autoren mit (sehr unterschiedlichen) Kapiteln zur Geschichte und Archäologie Ungarns, Jugoslawiens und Rumäniens hinzuzuziehen, sowie darin, eine ambitionierte Vorrede und einen Covertext zu verfassen, die die synthetische Dimension des Bandes unterstreichen. In diesem Punkt versagt das Buch zwar, dennoch bereichert diese Arbeit unsere Kenntnisse der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung, insbesondere in Polen und der Tschechoslowakei.
Die 17 Beiträge, die mit einem Vor- und Nachwort der drei Herausgeber umrahmt wurden, sind sowohl thematisch als auch in Bezug auf ihre Konstruktion und die Tiefe der historischen Analyse sehr unterschiedlich. Rafał Stobiecki und Attila Pók liefern kluge und ausgewogene Übersichtsdarstellungen der komplizierten Wechselbeziehungen zwischen dem historischen Milieu, der marxistischen Theorie und dem politischen Druck in Polen und Ungarn. Mit diesen beiden Texten korrespondiert eine ähnlich breit angelegte Studie von Iurie Stamati über die rumänische frühmittelalterliche Archäologie im Spannungsfeld von Marxismus und Nationalismus. Es folgt eine Reihe detaillierter Studien zu verschiedenen Themen. Behandelt werden im Einzelnen: marxistische Ikonologie in der tschechoslowakischen Kunstgeschichte (Tereza Johanidesová), sowjetische Kontroversen um die Anwendbarkeit des Begriffs "Vorrenaissance" in der Kunstgeschichte Russlands (Jitka Komendová), die Biografien von František Graus (Martin Wihoda) und Ewa Maleczyńska (Przemysław Wiszewski), die katastrophalen Folgen primitiven Klassendenkens für die Erforschung ritterlicher Sippen in Polen (Andrzej Marzec), das Konzept einer frühbürgerlichen Revolution von Robert Kalivoda (Martin Nodl), Schlesien im Spätmittelalter (David Radek), unterschiedliche Interpretationen des Übergangs von der Tausch- zur Geldwirtschaft (Piotr Guzowski) sowie die Instrumentalisierung Großmährens im Dienst tschechoslowakischer Wechselseitigkeit (Adam Hudek).
Neben diesen Fallstudien finden sich zwei vergleichsweise lange Beiträge: Piotr Węcowski schreibt über die interdisziplinären Forschungen zu den Anfängen der polnischen Staatlichkeit (eines der größten wissenschaftlichen Projekte, das je in Polen erfolgreich abgeschlossen wurde [2]), und Florin Curta präsentiert auf fast 60 Seiten (ein Drittel davon nimmt die Bibliografie ein) die wissenschaftlichen Biografien von vier Archäologinnen aus Jugoslawien und der Tschechoslowakei, wobei ihre unterschiedlichen Einstellungen zum Marxismus hervorgehoben werden. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich auffallend kurze Skizzen über das Versagen der marxistischen Theorie in der tschechoslowakischen Archäologie (Jiří Macháček) sowie über den gescheiterten Versuch einer "russischen Wende", weg von der westlichen Christianitas, in der frühmittelalterlichen Geschichte Ungarns (Gábor Thoroczkay). Schließlich beinhaltet der Band einen Beitrag, in dem Tadeusz Paweł Rutkowski hauptsächlich über mittelalterliche Themen berichtet, die 1951/52 auf dem 1. Kongress der polnischen Wissenschaft und einer methodologischen Konferenz in Otwock in den Jahren behandelt wurden.
Wie aus der obigen Kurzdarstellung der Themen ersichtlich wird, sind die im Band vereinten Beiträge sehr unterschiedlich und nur vage miteinander verbunden. Die Verfasser unternehmen keinen Dialog miteinander, obwohl sie teilweise über dieselben Persönlichkeiten (wie etwa Karol und Ewa Maleczyńska) schreiben. Die Herausgeber, die theoretisch auf solche Interferenzen aufmerksam machen könnten, bleiben in dieser Hinsicht passiv. Die Diskrepanz in der Länge einiger Beiträge unterstreicht die Heterogenität des Bandes. Dieser Eindruck wird durch das Verzeichnis, das nur wenige der im Buch genannten Namen aufführt, untermauert. Unter den vielen Aspekten der Historiografiegeschichte, die hier zur Sprache kommen, lassen sich jedoch einige Themenkreise ausmachen, die als Wegweiser für die Zukunft dienen können. Inspirierend wirkt die von Komendová und Marzec analysierte marxistische Kultur der wissenschaftlichen Polemik, die vor allem im Fall der "Vorrenaissance" an das Konzept epistemischer Tugenden denken lässt. In einigen Beiträgen wird deutlich, dass eine methodologische Affinität gegenüber dem Marxismus keineswegs auf ein regimekonformes Schaffen von Historikern schließen lässt. Beispiele wie István Hajnal oder Kalivoda zeigen vielmehr, dass ein ernstgemeintes Interesse am Marxismus als politisch subversiv und für die weitere Karriere gefährlich angesehen werden konnte. Auch diverse Kontinuitätslinien aus den 1950er Jahren zu älteren Traditionen der Kunstgeschichte, Geschichte oder Archäologie werden an einigen Stellen hervorgehoben, wie etwa das intellektuelle Erbe von Max Dvořák in der marxistischen Kunstgeschichte im Beitrag von Johanidesová. Die Rolle von Frauen und ihre Karrierewege in den sowjetisierten Staaten Ostmitteleuropas gehören ebenfalls zu diesen Themen, insbesondere in Curtas Beitrag. Die Spannungen zwischen den nationalen Historiografien, die theoretisch brüderlich vereint waren, werden bei Martin Nodl deutlich.
Weder in der Vorrede noch im Nachwort scheinen die Herausgeber diesen Themen Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Die wenigen übergreifenden Anmerkungen, die sie dennoch liefern, beschränken sich auf Allgemeinplätze, wie etwa darauf, dass polnische Historiker:innen mehr Freiheit genossen hätten als ihre tschechoslowakischen Kolleg:innen. In welcher Form sich diese Freiheit genau manifestierte, bleibt in dieser Perspektive ebenso unbeantwortet wie die Frage nach ihrer aktiven Rolle beim Formieren der marxistisch-leninistischen Geschichtsauffassung. Das von Rutkowski gezeichnete Bild der Sowjetisierung als einer Krankheit, die im besten Fall "relativ harmlos" (46, gemeint ist die polnische Mediävistik) verläuft, entspricht zwar der Selbstreflexion des historischen Milieus in den 1990er Jahren, hilft jedoch nicht, die Verflechtungen von Wissenschaft und Ideologie besser zu verstehen. Insgesamt hinterlässt die Lektüre den Eindruck einer unvollendeten Arbeit, bei der zwar viel qualitativ gutes Material angesammelt wurde, die Gesamtkonstruktion aber einiges zu wünschen übrig lässt.
Anmerkungen:
[1] Martin Nodl / Piotr Węcowski (eds.): Marxismus a medievistika: Společné osudy? [Marxismus und Mediävistik. Gemeinsame Schicksale?], Praha 2020.
[2] Vgl.: Adrianna Szczerba: Powołanie kierownictwa badań nad początkami Państwa Polskiego [Die Ernennung der Leitung des Forschungsprojekts zu den Anfängen des polnischen Staates], in: Przegląd Archeologiczny 65 (2017), 13-18.
Maciej Górny