Cécile Caby: Église(s) et Grands Hommes, entre Renaissance et réformes (= Collection de l'École française de Rome; 620), Rom: École française de Rome 2024, 336 S., ISBN 978-2-7283-1661-8, EUR 32,00
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Die Bedeutung des sammelnden Erinnerns an große Persönlichkeiten erlebte eine besondere Renaissance im Spätmittelalter. Antike Modelle der Sammelbiographien im Stile eines Plutarch oder Sueton lebten wieder auf und brachten ihrerseits neue Traditionen der Darstellung von Geschichte und Tugend hervor. Werke vom Typus 'De viris illustribus' oder 'De praestantia virorum' etc. entstanden ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in immer größerer Zahl und mit immer weiterer Ausdifferenzierung nach Regionen, Berufsgruppen, Ordensgemeinschaften etc. Sie wurden eine beliebte Form der humanistisch geprägten Historiographie. Kleriker waren in diesen Sammlungen zwar nicht in der Mehrheit, hatten aber wie selbstverständlich ihren Platz und nahmen mitunter Schlüsselpositionen ein, wie der nun vorliegende Sammelband anhand verschiedener Beispiele zeigt. Gegenstand sind spezifisch kirchengeschichtliche Traditionsstränge innerhalb der humanistischen Sammelbiographien sowie deren Vorläufer und langfristige Einflüsse. Die chronologisch vom 14. bis zum 17. Jahrhundert angeordneten Beiträge rekonstruieren eine mehrfache Transformation des Modells der Kollektivdarstellung herausragender Persönlichkeiten: von den spezifisch kirchengeschichtlichen Traditionen der Hagiographie und Papstviten über die humanistischen viri illustres bis zur Übernahme dieses Modells in die protestantische Geschichtsschreibung und schließlich auch die Universitätskultur der Sorbonne. Umrahmt und begleitet werden die Überlegungen zur Entwicklung der biographischen Schriftkultur immer wieder von den bildhaften Personendarstellungen, denen die zwei Artikel zu Beginn und zum Ende des Bandes exklusiv gewidmet sind.
Der eröffnende Beitrag von Alessandra Malquori (41-78) zu monastischen Bilderzyklen von Heiligen und berühmten Asketen stellt die Fresken des Paolo Uccello in San Miniato al Monte in Florenz aus den 1460er Jahren in den Mittelpunkt und deutet sie vor dem Hintergrund einer ausführlich dargestellten Traditionslinie als ikonische Szenen aus Exempla, die immer wieder erzählt wurden. Die Sammlungen von Persönlichkeitsdarstellungen wirken stark typologisch, sie repräsentieren oft eine bestimmte monastische Tugend, nicht so sehr den Genius des Einzelnen. Die Modi der Konstruktion kollektiver Tugenden in den Sammelbiographien werden anhand der von Daniele Solvi (79-100) untersuchten Viten des Heiligen Bernardino von Siena besonders deutlich. Die Biogramme werden nämlich in vier verschiedene Typen eingeschrieben: Hagiographie, sienesischer Lokalpatriotismus, Franziskanertum und schließlich das humanistische Modell der viri illustres.
Der zweite Abschnitt versammelt drei Beiträge zum eigentlichen Kernthema des Bandes, der Stellung von Klerikern in den humanistisch gefärbten Sammelbiographien. Aus der Fülle der möglichen Opera werden hier einige markante Beispiele herausgegriffen: zunächst die unvollendet gebliebene Papstvitensammlung des Iacopo Zeno (Concetta Bianca, 103-112), dann aber vor allem die berühmten Vite des Vespasiano da Bisticci, denen gleich zwei gewichtige Beiträge des Bandes gewidmet sind. Luca Boschetto (113-144) hebt die herausragende Bedeutung der beiden Papstviten zu Eugen IV. und Nikolaus V. innerhalb der Konzeption des Gesamtwerks hervor, wobei vor allem die Vita des Humanistenpapstes Nikolaus V. als Portal für das ganze Werk diente. Die überragende programmatische Bedeutung des Lebensbildes von Nikolaus V., der als berühmter Humanist und Patron der Künste zur Modellfigur des humanistischen vir illuster schlechthin wurde, steht im Zentrum bei Amedeo de Vincentiis (145-189), der mit einer umfassenden und magistralen Mikrostudie zur komplizierten handschriftlichen Überlieferung der von Bisticci in verschiedenen Fassungen und Auszügen in Umlauf gebrachten Vite neue Zugänge zum Gesamtwerk aufzeigt. Die Papstvita Nikolaus' V. wird so zum Schlüssel für das Verständnis von Textkomposition und Architektur des Werkes. Die von Ausanna Allés-Torrent (191-219) vorgestellten gleichzeitig entstandenen spanischen Beispiele von Sammelbiographien berühmter Männer des Königreichs Kastilien liefern hingegen ein Register der adligen High Society ihrer Zeit. Die Prälaten werden hier vor allem an ritterlichen Tugenden und ihrer hochadligen Abstammung gemessen, jedoch auch als weise und belesen beschrieben.
Den Übergang in das konfessionelle Zeitalter markieren im dritten Abschitt drei sehr unterschiedliche Beiträge. Marion Deschamp (223-244) untersucht die Übernahme der modellhaften Glorifizierung von Einzelpersönlichkeiten durch protestantische Autoren wie Johannes Agricola und Théodore de Bèze. Die Verehrung der großen Männer wird dabei zur Verehrung Gottes stilisiert, als dessen treue Werkzeuge die viri illustres auftreten. Das humanistische Modell vermeidet mithin die offene Weiterführung hagiographischer Traditionen. Nicht mehr exzeptionelle Auserwähltheit, sondern tugendhafte Modellhaftigkeit zeichnet die gewissermaßen banalisierte Heiligkeit aus. Heroisierung wird durch totales Aufgehen in der gemeinsamen Sache hergestellt. Die universitäre Memorialkultur der Sorbonne (Thierry Amalou, 244-281) orientierte sich erst spät am Modell der Sammelbiographien. Die neue Tradition - sichtbar erst ab der Neustrukturierung nach den Religionskriegen - war eng verbunden mit den typologischen Personendarstelleungen in der akademischen Redekultur, wo insbesondere bei Graduierungsriten die intellektuellen Tugenden des Kandidaten zelebriert wurden. Dabei blieb die Glorifizierung berühmter Theologen der Vergangenheit zunächst zurückhaltend, das Ideal einer aurea mediocritas war zunächst dominant. Unerwartete Zurückhaltung und Subtilität bei der majestätischen Verkörperung barocker Kirchenfürsten offenbart abschließend der Beitrag von Philipp Zitzlsperger (283-306) zu den Papst- und Kardinalsbüsten aus der Zeit Urbans VIII.
Der Band wird durch eine substantiell kontextualisierende Einleitung der Herausgeberin Cécile Caby (7-38), eine abschließende Reflexion durch Olivier Millet (307-316) sowie durch Abstracts in italienischer und englischer Sprache gleich mehrfach synthetisiert. Er enthält kein repräsentatives Panorama der bedeutendsten Sammelbiographien des Renaissance- und Barockzeitalter, sondern bringt die Forschung zu einzelnen Werken (insbesondere Vespasiano da Bisticci) entscheidend voran und zeigt überraschende Kontinuitäten und Transformationen des Modells der Kollektivbiographie zwischen Hagiographie, Humanismus, Protestantismus und Universitätskultur auf.
Thomas Woelki